„Bluesky“ bekommt derzeit starken Zulauf. Vor allem enttäuschte Twitter-Nutzer und Musk-Skeptiker halten das soziale Netzwerk für eine bessere Alternative. Doch wer sich registrieren will, benötigt eine Einladung. Findige Nutzer haben daraus ein Geschäftsmodell entwickelt.
Eine Abfolge von Buchstaben und Zahlen gehört derzeit zu den begehrtesten Dingen im Internet. Schließlich ist der Code der Schlüssel zum Himmel. „Bluesky“, übersetzt also „blauer Himmel“, lautet der Name des sozialen Netzwerks, das gerade rasant an Beliebtheit gewinnt.
Mitmachen kann vorerst nur, wer einen solchen Einladungscode besitzt. Dennoch halten einige den Dienst schon jetzt für die bessere Alternative zu „X“, vormals Twitter.
In den vergangenen Tagen sind bereits massenhaft Nutzer von „X“ zu „Bluesky“ umgezogen, vor allem in Deutschland. Doch auch weltweit hat das Netzwerk ein rasantes Wachstum hingelegt. Zählte es Ende April gerade einmal 50.000 Anmeldungen, knackte es vor wenigen Wochen bereits die Millionenmarke.
Das ist zwar immer noch bedeutend weniger als „X“ mit seinen rund 230 Millionen aktiven Nutzern vorweisen kann. „Bluesky“ hat zumindest aus Sicht seiner Fans aber einen entscheidenden Vorteil: Der Dienst funktioniert genauso wie „X“ – nur, dass er nicht Elon Musk gehört.
Auf „Bluesky“ können Nutzer kurze Textnachrichten oder Fotos posten, die Beiträge anderer teilen oder kommentieren. Daneben ermöglicht der Dienst, sich gegenseitig zu folgen und Beiträge mit „Gefällt mir“ zu markieren. Auch das Design ist kaum vom großen Konkurrenten zu unterscheiden. Lediglich Direktnachrichten lassen sich noch nicht verschicken.
„Bluesky“ und „X“ teilen sich aber nicht nur die äußerliche Ähnlichkeit, sondern auch eine gemeinsame Geschichte. Denn die Trend-App war ausgerechnet ein Projekt von Jack Dorsey, dem Twitter-Mitbegründer, zu dessen Zeiten im Unternehmen. Schon im Jahr 2019 hat der Softwareentwickler die Plattform geschaffen, zwei Jahre später wurde aus ihr ein eigenständiges Unternehmen.
„Bluesky“ soll organisch wachsen
Dass Nutzer das aufstrebende Netzwerk nur per Einladung betreten dürfen, hat aus Sicht der Betreiber einen simplen Grund: „Wir möchten, dass das Netzwerk organisch wächst“, heißt es von „Bluesky“.
Das Prinzip: Registrierte Nutzer bekommen jede Woche einen Code, den sie wiederum an Interessierte weitergeben können. Computer-Bots und Fake-Profile haben es deshalb deutlich schwerer, auf die Plattform zu gelangen.
Allerdings hat die strikte Gästeliste eine Kehrseite. Um die Einladungen ist ein regelrechter Markt entstanden. Auf Plattformen wie Ebay finden sich mittlerweile Hunderte, die ihre verfügbaren Codes zu Geld machen wollen. Manche verlangen nur wenige Euro für die begehrte Buchstabenfolge, andere rufen jedoch teils mehr als 200 Euro auf.
Und tatsächlich sind zahlreiche Nutzer bereit, für den Zugang zu zahlen. So sollen laut den Angaben auf der Ebay-Seite dieselben Anbieter bereits Dutzendfach entsprechende Codes verkauft haben.
Der Entwickler Felix Josemon hat daneben ein besonders ausgeklügeltes Geschäft mit den Codes aufgebaut. Er nennt es den „Pay It Forward Train“, der grob wie ein Kettenbrief funktioniert.
Wer sich bei Josemon anmeldet, bekommt sofort einen Code zugeschickt. Allerdings verpflichtet er sich gleichzeitig, mindestens einen Code wiederum anderen Kunden von Josemon zu überlassen. Wer mitmachen will, soll 29 Dollar zahlen.
Begehrte „Bluesky“-Einladungen
Und längst nicht alle Angebote sind seriös. So warnen Nutzer im Internet bereits vor Betrügern. „Wenn sie euch bitten, mit Kryptowährungen und seltsamen Geschenkkarten zu bezahlen, handelt es sich wahrscheinlich um einen Betrug“, schreibt ein Nutzer auf der Plattform „Reddit“.
Auch die Betreiber von „Bluesky“ sind sich des Problems bewusst. „Wir raten dringend vom Verkauf als auch vom Kauf von Einladungscodes ab“, heißt es vom Unternehmen. Man könne die Echtheit solcher Angebote schließlich nicht überprüfen.
„Bei vielen der von uns untersuchten Fälle handelt es sich um gefälschte Anmeldedaten.“ So seien Bildschirmfotos, auf denen die vermeintlichen Codes abgebildet sind, teils nicht gültig.
Wer nicht kaufen will, muss warten. „Bluesky“ bietet eine Warteliste an, auf die sich Interessierte setzen lassen können. Unklar bleibt jedoch, wann und wie viele Codes darüber vergeben werden.
Und so müssen sich selbst manche Prominente und Politiker in Geduld üben. „Hat jemand eine Blauer-Himmel-Einladung für mich“, fragte jüngst etwa der geschasste Staatssekretär aus dem Bundeswirtschaftsminister, Patrick Graichen, auf „X“.
Musk-Kritiker bei „Bluesky“
Doch die Exklusivität hat noch einen weiteren Nebeneffekt. So beklagen manche Neuankömmlinge politische Einseitigkeit. Schließlich versammeln sich in dem Netzwerk vor allem Kritiker von „X“-Besitzer Elon Musk. Und diese wiederum könnten vornehmlich Gleichgesinnte einladen.
Er sei „sehr ernüchtert nach nur wenigen Tagen“, erklärte etwa der CDU-Politiker Frank Sarfeld auf „X“. Zuspruch dafür gab es unter anderem von Moderator und Autor Micky Beisenherz oder dem Kolumnisten Hendrik Wieduwilt.
Musks jüngste Beiträge auf „X“ dürften indes dafür gesorgt haben, dass große Teile dem Netzwerk des Milliardärs zuletzt noch schneller den Rücken kehrten. Der Tesla-Chef reagierte etwa auf einen italienischen Post, der kritisierte, dass Rettungsschiffe von Hilfsorganisationen mit staatlicher Förderung Migranten im Mittelmeer aufnehmen.
„Weiß die deutsche Öffentlichkeit davon?“, fragte Musk auf „X“. Der italienische Beitrag sympathisierte darüber hinaus offen mit der AfD.
Am 3. Oktober haben außerdem mehr als 160 Rabbiner, jüdische Künstler und Vertreter jüdischer Organisationen eine Erklärung veröffentlicht, in dem sie Musk vorwerfen, die Verbreitung von Antisemitismus und Verschwörungstheorien zu fördern. „X“ sei seit der Übernahme durch Musk zu einem „Nährboden für einige der gefährlichsten antisemitischen Äußerungen in Amerika geworden“, heißt es darin.
Daneben werfen sie Musk selbst Antisemitismus in mehreren Fällen vor. Die Unterzeichner fordern nun die großen Werbepartner wie Disney oder Apple dazu auf, sich von der Plattform zurückzuziehen.
Twitter-Alternativen warten auf ihren Durchbruch
Und nicht zuletzt dürften es Musks Gedankenspiele über ein kostenpflichtiges „X“-Abonnement für alle sein, weswegen sich Nutzer nach Alternativen umsehen. Mit „Bluesky“ unternimmt allerdings schon das dritte soziale Netzwerk den Versuch, sich zu etablieren. Das Netzwerk „Mastodon“ galt zeitweise als aufkommender Konkurrent, zahlreiche Nutzer halten die Bedienung jedoch für zu kompliziert.
Daneben brachte zuletzt Meta mit „Threads“ einen Kurznachrichtendienst auf den Markt. Der Facebook-Mutterkonzern wollte sein Netzwerk aber vorerst nicht in Europa anbieten – aufgrund von Datenschutzbedenken. Und so warten die Alternativen immer noch auf ihren Durchbruch.



