In einer E-Mail an Intendant Joachim Knuth fordern 96 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des NDR Schleswig-Holstein personelle Veränderungen an der Spitze – »unabhängig von den Ergebnissen der Untersuchungen«.
Angebliche CDU-Nähe, politische Einflussnahme und die Behinderung journalistischer Arbeit: Die Liste der Vorwürfe, die sich gegen die Führungskräfte im NDR Schleswig-Holstein richten, ist lang. Seit Wochen ist das Funkhaus in Kiel deswegen in Aufregung. Politik-Chefin Julia Stein, Chefredakteur Norbert Lorentzen und Landesfunkhausdirektor Volker Thormählen lassen derzeit ihre Ämter ruhen – zumindest, bis die Anschuldigungen belegt oder entkräftet sind.
Eine Gruppe von 96 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen will dieser Aufarbeitung nun vorgreifen. In einer E-Mail an NDR-Intendant Joachim Knuth fordern sie eine Perspektive, um »in gewohnter Qualität« weiterarbeiten zu können« und begrüßen ausdrücklich die »dringend notwendige Aufarbeitung« im eigenen Haus. Dennoch: Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit diesen Führungskräften könne man sich »unabhängig von den Ergebnissen der unterschiedlichen Untersuchungen« nicht mehr vorstellen. Die Nachricht liegt dem SPIEGEL vor, zuerst hatte die »Zeit« über das Schreiben berichtet.
»In Angst versetzt«
Begründet wird der Vorstoß mit einem toxischen Arbeitsklima, das Einige in der Belegschaft verspürten. Einzelne Führungskräfte hätten »über Jahre einen Führungsstil geprägt und gelebt, der zu viele Kolleg*innen in Angst versetzt, zu oft Wertschätzung, Fehlerkultur und schließlich inhaltliche Auseinandersetzung hat vermissen lassen«. Die Unterschriftenliste soll zahlreiche Redakteure und Redakteurinnen umfassen, einige prominente Stimmen, darunter Personalrat Thomas Baltuttis, fehlen aber offenbar.
Die konkreten Vorwürfe zu angeblicher politischer Einflussnahme zugunsten von Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) kommen in der E-Mail nicht zur Sprache, sie sind derzeit Gegenstand mehrerer Untersuchungen. Einzelne davon, darunter ein Konflikt über die Berichterstattung zum Deutschen Roten Kreuz, könnten sich nach neuen Recherchen womöglich als unhaltbar herausstellen.
Antwort des Intendanten
NDR-Intendant Joachim Knuth soll nach SPIEGEL-Informationen bereits schriftlich auf die E-Mail der Kieler Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen geantwortet haben – ohne aber auf die konkreten Forderungen einzugehen. Er könne gut verstehen, dass die Aufarbeitung der Geschehnisse die Belegschaft beschäftige und belaste, so Knuth.
Aber die Aufklärungsarbeit der NDR-Kollegen werde Klarheit in die Bewertung der im Raum stehenden Vorwürfe bringen. »Vertrauen Sie bitte darauf, dass ich an einem Neuanfang in Ihrem Landesfunkhaus Interesse habe. Ich bin sicher, dass wir diesen Weg gemeinsam schaffen, auch wenn ein solcher Neustart nicht über Nacht zu erreichen ist.«




