Von Gabor Steingart

Woher Deutschlands Wohlstand wirklich kam – und warum er jetzt bröckelt

20.03.2024
Lesedauer: 4 Minuten
Blick auf die Raffinerie Heide. Bildquelle: Marcus Brandt/dpa

Die Frage aller Fragen, die von Zeit zu Zeit neu gestellt und dann auch mit frischem Mut beantwortet werden muss, lautet: Worauf beruht eigentlich der Wohlstand der Bundesrepublik?

Antwort A: Die politisch korrekte Antwort lautet, dass wir unseren Wohlstand dem Fleiß und Erfindungsreichtum der hier lebenden Menschen verdanken. So steht es in der Standardrede der Regierungspolitiker.

Antwort B: Die wahrheitsgemäße Antwort muss allerdings lauten, dass diese Zauberformel für unseren Reichtum ein Kombinationspräparat ist. Deutschland verdankt das Wohlergehen der vergangenen Jahrzehnte der Tatsache, dass sich heimischer Fleiß und Erfindungsreichtum mit den Interessen dreier Imperialmächte auf das Engste verknüpfen ließen.

Die Geschichte war den Deutschen ausnahmsweise wohlgesonnen.

Ohne die Gleichzeitigkeit unserer Spezialbeziehungen zu Amerika, zu Russland und zu China hätte es das Wirtschaftswunder der vergangenen 40 Jahre nicht gegeben.

Richtig ist: Mister Wirtschaftswunder Ludwig Erhard sorgte für die Initialzündung. Aber genauso richtig ist: Den Treibstoff unseres Aufstiegs lieferten andere. Der Diplomat und Ex-Botschafter der Bundesrepublik in Argentinien und Singapur, Ulrich Sante, nennt sie „die drei Säulen unseres Wohlstandes“.

1. Dankeschön, Uncle Sam

Seite an Seite mit den Vereinigten Staaten setzte die Bundesrepublik nach 1950 die Prinzipien des Freihandels durch – in vielen bilateralen Freihandelsabkommen und in der WTO, der Welthandelsorganisation in Genf. So entstand jene regelbasierte Ordnung, die sichere Investments außerhalb des eigenen Staatsgebietes überhaupt erst ermöglichte.

Beide Länder besiedelten mit ihren Firmen das Staatsgebiet des jeweils anderen. McDonald’s und Coca-Cola, später dann Google, General Electric, Goldman Sachs und Microsoft kamen nach Deutschland. Umgekehrt errichteten Volkswagen, BMW, Siemens und Thyssenkrupp ihre Fabriken in den USA. Von 2000 bis 2022 flossen 2,6 Billionen (Dollar) US-Kapital nach Deutschland und 5,4 Billionen (Dollar) deutsches Kapital in die USA.

2. Energiepartnerschaft mit Russland

Die Regierungsform wechselte, die Lieferbeziehung blieb: Erst die Sowjetunion, später die Russische Föderation versorgten die bundesdeutsche Industriegesellschaft mit preiswerter Energie. Zum Höhepunkt stammten 2021 mehr als 65 Prozent unserer Gasimporte aus Russland.

3. Exportpartnerschaft mit China

Die Volksrepublik China wurde mit Beginn ihrer Reformpolitik unter dem KP-Führer Deng Xiaoping (Regierungszeit 1979–1997) zum neuen Absatzgebiet der deutschen Exportwirtschaft. Kaum ein anderes Land hat seit den siebziger Jahren so fleißig und so zuverlässig deutsche Industrieprodukte gekauft. Wir waren die Herrenausstatter der neuen asiatischen Wirtschaftsmacht.

Allein zwischen 2010 und 2022 hat die Bundesrepublik Waren im Wert von über einer Billion Euro nach China geliefert, vor allem die Chemieindustrie und der Maschinen- und Anlagenbau profitierten. Gar nicht zu reden von der deutschen Automobilindustrie, die es mit Volkswagen zur Nummer eins in China schaffte. Zu Hochzeiten verkaufte VW über 40 Prozent all seiner Pkw in der Volksrepublik.

Warum das wichtig ist? Weil diese drei Partnerschaften sich in diesen Tagen vor unseren Augen auflösen, ohne dass Ersatz in Sicht wäre.

Fakt ist: Die bisherige Wirkstoffformel für unseren Wohlstand funktioniert nicht mehr.

Energiepartnerschaft a.D.

Im Zuge des Ukraine-Krieges endeten die Gaslieferungen aus Russland, weil Putin den Hahn zudrehte. Am 5. Dezember 2022 kamen die Sanktion des Westens hinzu, weshalb seitdem auch der Ölfluss unterbrochen ist. Wie um die Zerstrittenheit der Zustände zu illuminieren, explodierte rund zwei Monate zuvor die Gas-Pipeline Nord Stream 2.

Weltmacht China

Das neue China will nicht mehr die verlängerte Werkbank der Deutschen sein. Man sieht sich nun selbst als mächtigste Exportmacht der Welt. Pro Container aus der EU, der in China ankommt, verlassen 3,5 Container die Volksrepublik in Richtung Europa.

„Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen“ aus Friedrich Schillers Drama „Die Verschwörung des Fiesco zu Genua“ wird soeben in die Wirklichkeit übersetzt. Die neue deutsch-chinesische Wirklichkeit ist damit ähnlich politisch unkorrekt wie dieser Satz.

America First

Hinter diesem Slogan versammeln sich heute Demokraten und Republikaner in den Vereinigten Staaten. „Buy American“, rief eben erst Joe Biden bei seiner Rede zur Lage der Nation. Die Tech-Konzerne saugen die Daten ab, die Wall Street die Anlagegelder und der Inflation Reduction Act lockt die Investitionsmittel deutscher Firmen an. Deutschland ist für Republikaner wie Demokraten kein „preferred partner“ mehr. https://widget.focus.de/iframe/6452a213cea59

Fazit: In den deutschen Gegenwartsdebatten – Cannabis, Wärmepumpe, Bürgergeld – findet sich dieser Epochenwechsel nicht reflektiert. Stattdessen wird vor Millionenpublikum eine Hitparade der Nebensächlichkeiten abgespielt. Vielleicht liegt hier die tiefere Ursache für die Unzufriedenheit mit der Demokratie. Das Volk spürt noch vor dem Kanzler, dass die Formel für unseren Wohlstand nicht mehr wirkt und keine neue gesucht wird. Kurt Tucholsky: „Das Volk versteht das meiste falsch; aber es fühlt das meiste richtig.“

Das könnte Sie auch interessieren

Er warf sich vor seine Familie
16.07.2024
Künstliche Schönheitskönigin
11.07.2024

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

12 + 18 =

Weitere Artikel aus der gleichen Rubrik

Er warf sich vor seine Familie
16.07.2024

Neueste Kommentare

Trends

Alle Kategorien

Kategorien