Vor einem Jahr

Vor einem Jahr: 2G und 3G spalteten die Gesellschaft brutalstmöglich

28.10.2022
Lesedauer: 7 Minuten
Gaststätte in Berlin, 24.01.2022 Bildquelle: IMAGO / Achille Abboud

Die 2G- und 3G-Regelungen sind vor einem Jahr in Kraft getreten. Es begann damit eine gesellschaftliche Hetzjagd auf Ungeimpfte – die mit dem eigentlichen Thema Gesundheitsvorsorge bald nichts mehr zu tun hatte.

Ein Passant ist mit seinem Hund auf dem Weg in ein Fachgeschäft für Tierfutter. In einem Gewerbegebiet mitten im Saarland. Der Passant ist geimpft. Vor einem Fastfood-Restaurant läuft ihm ein Mitarbeiter entgegen. Der Passant war oft Gast in dem Restaurant – auf ihn zugekommen ist ein Mitarbeiter in der Zeit nie: „Geimpft oder weg, geimpft oder weg!“, brüllt der Mann. Der Passant zieht weiter. Irritiert. Im Geschäft vergisst er, die Maske aufzusetzen. Am Eingang. Schon schreit auch dort ein Mitarbeiter: „Maske auf, aber sofort!“ Der Imperativ ist die bevorzugte Satzstellung im deutschen Herbst 2021. Der Ton ist der von Kasernenhöfen – aber denen aus der Kaiserzeit.

Das Verhältnis zwischen Kunden und Geschäftsleuten hat sich geändert: Die Kunden sind keine Könige mehr und die Inhaber keine Verkäufer. Es sind Untertanen, die bei Hausmeistern und Türstehern um Einlass bitten – und ihn erst erhalten, nachdem diese ihren Impfstatus kontrolliert haben. Sogar Ein-Euro-Shops haben mittlerweile Türwachen und regelrechte Wachhäuschen aufgebaut. Die Länder haben gerade erst angefangen, die 2G- und 3G-Regeln einzuführen. Zwar müssen die Deutschen ohne elektronische Gesundheitskarte leben, weil die Daten darauf nicht gut genug geschützt seien – doch ihren Impfstatus müssen sie nun mehrfach am Tag vorzeigen. Auch Ungelernten, Hilfskellnern oder Verkäufern, die nur fürs Weihnachtsgeschäft eingestellt wurden.

Es geht los mit 3G. Wer in ein Geschäft will, das kein Supermarkt ist, muss geimpft, genesen oder negativ getestet sein. Doch da das nicht gegen die Verbreitung des Virus hilft, verschärfen die Länder, gehen rasch zu 2G über. Negativ getestet zu sein, reicht demnach nicht mehr. Menschen, die nachweislich nicht infiziert sind, müssen draußen bleiben, während möglicherweise Infizierte reindürfen. Der Widerspruch muss im Herbst 2021 nicht aufgelöst werden. Die 2G-Maßnahmen lösen sich bald von dem eigentlichen Ziel, die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Zumal sie dieses auch nicht erreichen.

Weihnachten will die Politik den Ungeimpften vermiesen. Allen voran Malu Dreyer (SPD). Ihr tödliches Versagen im Ahrtal liegt noch kein halbes Jahr zurück, viele Menschen dort sind noch ohne Strom und Wärme, da haut die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin vor laufender Kamera einen Spruch raus: „Ungeimpfte sollen nach unserer Verordnung gar nicht feiern. Sie dürfen sich eigentlich nur mit Ungeimpften treffen.“ Am nächsten Tag rudert ihre Pressestelle zurück, das habe Dreyer nie gesagt, anders gemeint und außerdem sei sie falsch verstanden worden. Die linke Frankfurter Rundschau setzt einen Beitrag ins Netz darüber, was die Ministerpräsident tatsächlich gesagt habe. Das Video lässt die Rundschau in dem Beitrag weg. Ihre Einordnung der Aussage Dreyers und der Originalton würden sich auch widersprechen. Malu Dreyer als roter Grinch, der Weihnachten verbieten will. Das passt nicht in das Bild, das SPD und ihr nahe stehende Zeitungen von der gutherzigen Malu zeichnen wollen.

Doch Dreyer ist mit ihrer Grinch-Äußerung in diesem deutschen Herbst keine Ausnahme: In Thüringen hängt ein Unternehmer die Liste seiner ungeimpften Mitarbeiter öffentlich aus. Ungeimpfte bekommen keine Lohnfortzahlung mehr. „Weltärztepräsident“ Frank Ulrich Montgomery spricht von der „Tyrannei der Ungeimpften“. Der Staatsrechtler Ulrich Battis fordert in Welt-TV Ausgangssperren für Ungeimpfte. Und auch die neue Bundesregierung beteiligt sich: Die neue Außenministerin Annalena Baerbock will „hart in die Kontaktbeschränkungen reingehen“ und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) will „Einschränkungen“ speziell für Ungeimpfte. Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) lässt bei Maybrit Illner Ungeimpfte wissen: „Ihr seid jetzt raus aus dem gesellschaftlichen Leben.“

Staatlich verordnete Spaltung. Staatlich verordnete Ausgrenzung. Das alles offen vertreten: rauher Ton, harte Aussagen, Duzen und Imperative. Schon im Tonfall hat sich Deutschland im Herbst 2021 von dem Ziel verabschiedet, ein Land des respektvollen Umgangs miteinander sein zu wollen – obwohl sein neuer Bundeskanzler mit genau dem Versprechen gerade Wahlkampf gemacht hat.
Doch Politikerversprechen gelten in diesen Tagen nichts mehr. Eigentlich hätte der Herbst 2021 kein Herbst der Maßnahmen mehr sein dürfen. Wenn alle ein Impfangebot hatten, gäbe es keine Rechtfertigung mehr für die Einschränkungen, sagt Helge Braun (CDU) im Frühjahr 2021. Als Leiter des Kanzleramts ist er der verlängerte Arm von Angela Merkel (CDU).

Als im November die 2G- und 3G-Regeln greifen, hatte jeder ein Impfangebot – eine deutliche Mehrheit hat es auch angenommen. Doch nun setzt sich die Sprachregelung durch, Ungeimpfte sorgten für ein höheres Ansteckungsrisiko bei Geimpften. Dass die Impfungen nicht vor Ansteckung schützen, müssen Pharma-Unternehmen und deutsches Gesundheitsministerium zu der Zeit noch nicht zugeben. Den Widerspruch, warum Ungeimpfte Geimpfte gefährden, wenn diese doch durch die Impfung geschützt seien, müssen Politiker auch nicht auflösen. Der größte Teil der Medien beteiligt sich bereitwillig an der Kesseljagd der Ungeimpften. Für Fragen ist keine Zeit mehr.

Um Logik geht es auch schon lange nicht mehr. Nicht einmal mehr um Gesundheitsschutz. Im Herbst 2021 geht es um Macht, Regeln, Durchsetzen und Unterwerfen. Deutsche Amtsstuben sind der richtige Ort, um ein Durchsetzen um des Durchsetzens willen vorzubereiten. In einer Mischung aus Penetranz und Sadismus entwickeln sie Regeln: absurd, bürokratisch – von einer pragmatischen Zielsetzung weit entfernt.

Wenig ist so deutsch wie der Beschluss, den Bund und Länder schon zu den Kontaktbeschränkungen an Weihnachten 2020 verfassen: Demnach darf ein Paar mit seinem Kind 1 und seinem Kind 2 feiern. Die dürfen auch ihre Partner und Kinder mitbringen. Aber dann muss Kind 3 wegbleiben. Allerdings darf Kind 3 kommen, sogar mit Partner und Kindern, wenn dafür Kind 1 seinen Partner und seine Kinder zuhause lässt. Was gar nicht ging, war, dass der Bruder des Ehemanns dazustößt. Nicht einmal wenn Kind 2 und Kind 3 Partner und Kinder daheimlassen. Der Bruder bleibt weg. Sogar wenn Kind 2 und Kind 3 selbst auf den Besuch verzichten. Schwere Zeiten für Brüder.

Doch so lustig ist das nicht. Die Verordnung wird durchgesetzt. Das ist auch möglich, weil Nachbarn ihre Nachbarn anzeigen. An Weihnachten. Dem Fest der Liebe. Politiker wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ermutigen die Menschen, ihre Nächsten zu denunzieren. Also das Virus zu besiegen, indem man die Nächsten über den Umweg des Staates auf ihre Verstöße aufmerksam macht. Nachbarn, die fortan im Streit leben? Sozialer Frieden, der auf der direktesten Ebene gestört ist? Spielt alles keine Rolle. Durchsetzen um des Durchsetzens willen hat im deutschen Herbst 2021 oberste Priorität. Als er Gegenwind erhält, dementiert Söder: nie gesagt, anders gemeint und falsch verstanden worden.

Besonders ekelhaft ist die Verordnung der Stadt Hannover. Die weist auf Tafeln darauf hin, dass nur Geimpfte und Genesene Speisen und Getränke auf dem Markt kaufen dürfen. Darunter steht: „Die Weitergabe an Personen, die weder geimpft oder genesen sind, ist nicht erlaubt.“ Es ist der deutsche Zeitgeist im Herbst 2021: pedantisch und sadistisch. Durchsetzen um des Durchsetzens willen. Der Ungeimpfte soll nicht Weihnachten feiern und eine Wurst kriegt er auch nicht. Und wenn ihm einer eine weiterreicht, schicken wir das Ordnungsamt. Dass sich der Virus stärker verbreitet hätte und mehr Menschen dahingerafft hätte, wenn in Hannover jemand seine Wurst mit dem Ungeimpften geteilt hätte … Dafür hat noch nicht mal Karl Lauterbach (SPD) eine Studie vorzaubern können.

Doch um Gesundheitsvorsorge ging es in Deutschland in der Pandemie irgendwann nicht mehr: als Polizisten Kinder vom Rodelschlitten holten. Als Polizistinnen sich beinahe den Hals brachen, um das Maskengebot durchzusetzen – draußen. Als eine Streife einen Jugendlichen mit dem Wagen verfolgte und beinahe niedergefahren hätte – aus Sorge um seine Sicherheit, weil er keine Maske trug. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat zum Beginn der Pandemie angekündigt, die Deutschen würden sich nach der Pandemie vieles verzeihen müssen. Mag sein. Aber er hat damit pedantischen Sadisten in Politik, Verwaltung und Privatleben auch einen Freischein ausgestellt.

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