Andrea Böhm

Klimaschutz oder grüner Kolonialismus?

06.01.2022
Lesedauer: 5 Minuten
Quelle: zeit.de

Mehr Klimagerechtigkeit für den globalen Süden konnte 2021 nicht erreicht werden. In diesem Jahr gibt es eine neue Chance – sofern der Westen seine Heuchelei beendet.

Weil wir zum Jahresanfang noch voll guter Vorsätze stecken, hier ein kleiner Test: Für wie stark, liebe Leserinnen und Leser, halten Sie Ihren Gerechtigkeitssinn? Ich schließe mal von mir auf andere und vermute, dass wir uns auf einer Skala von eins (Jeff Bezos) bis zehn (Desmond Tutu) eine sieben geben würden. Oder auch eine acht. Stellen wir diese Selbsteinschätzung den Ereignissen des vergangenen Jahres gegenüber, haben wir jedoch ein Problem: 2021 war weltweit ein Jahr gewaltiger Gerechtigkeitslücken. Nicht nur bei der Verteilung von Impfstoffen gegen das Coronavirus, die weiterhin nach dem Motto „Reiche zuerst und dann sehen wir weiter“ läuft, sondern auch beim Kampf gegen die Klimakrise.

Die Konferenz in Glasgow im vergangenen November, in Deutschland schon fast wieder vergessen, hat in Staaten des globalen Südens enorme Verbitterung hinterlassen. Erneut wurde ihre zentrale Forderung abgebügelt: Klimagerechtigkeit.

Natürlich war COP26 kein totaler Reinfall. Der schrittweise Abschied aus der Kohleenergie steht im Abschlusspapier, über 140 Regierungen haben den Schutz und die Wiederaufforstung der Wälder versprochen, über 100 Länder wollen bis 2030 den Methanausstoß um ein Drittel reduzieren und alle sollen ihre Klimaziele bis zur nächsten Konferenz nachbessern. Was in Glasgow nicht passierte: die Verantwortung für die Erhitzung unseres Planeten ehrlich zu benennen und Rechenschaft abzulegen.

Dass die Ärmsten am wenigsten zur Erderwärmung beigetragen haben, aber schon seit Langem den höchsten Preis zahlen, ist längst eine Binsenweisheit. Bloß empfindet sie in unseren Breitengraden kaum jemand als Skandal. 23 reiche Staaten mit heute zwölf Prozent der Weltbevölkerung (darunter die USA, Deutschland, Kanada und Japan) haben seit Beginn der Industrialisierung die Hälfte aller CO₂-Emissionen ausgestoßen.

Die andere Hälfte verteilt sich auf über 150 andere Länder – und wird angeführt von China, das inzwischen fast 14 Prozent der Emissionen verursacht hat. Subsaharaafrika ist für gerade mal 1,85 Prozent verantwortlich, wird aber schon seit Jahrzehnten weit dramatischer von den Folgen der Klimakrise getroffen als Europa. Gleiches gilt für die kleinen Inselstaaten, denen buchstäblich der Untergang droht.

Deswegen fordern ärmere Staaten seit Jahren einen Fonds für Schäden und Verluste (loss and damage) gefüllt von den Hauptverursachern des Klimawandels. Aus diesem Fonds sollen von Dürren, Fluten, Hungersnöten oder Unwettern Betroffene im Zusammenhang mit der Erderwärmung unterstützt werden. Der Außenminister von Bangladesch, AK Abdul Momen, hat das Konzept unlängst mit dem Vorgehen gegen die Tabakindustrie in den Neunzigerjahren verglichen, als sich die US-Regierung von den Konzernen vor Gericht einige der Milliarden Dollar zurückholte, die durch die Gesundheitsschäden des Rauchens entstanden waren.

Die Entwicklungsländer fühlen sich verprellt

Nun, der Fonds wurde in Glasgow nicht beschlossen, vor allem aufgrund des Widerstands der USA und der EU, die fürchten, für Klimaschäden haftbar gemacht zu werden. Auch bei anderen Zahlungen fühlen sich Entwicklungsländer verprellt. 100 Milliarden US-Dollar jährlich ab 2020 wollten Industrienationen für Klimaprojekte im globalen Süden bereitstellen, um beim Übergang zu grüner Energie und bei der Anpassung an die Krise zu helfen – zum Beispiel durch Frühwarnsysteme oder Küstenbefestigungen. Die Summe wird frühestens 2023 zum ersten Mal erreicht.

Zum Vergleich: Der Hilfsfonds für die Opfer des Hochwassers in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ist auf 30 Milliarden Euro angelegt.

Viel des internationalen Geldes wird laut einer Studie von Oxfam auch gar nicht als Zuschuss geleistet, sondern als Kredite, die oft mit Zinsen zurückgezahlt werden müssen. Soll heißen: Was vonseiten der Industriestaaten als Hilfe angeboten wird, ist für die Empfänger oftmals eine Schuldenfalle.

Natürlich gibt es auch kleine Lichtblicke: So gaben die EU, Großbritannien, Deutschland und Frankreich während der Glasgower Konferenz bekannt, Südafrika mit 8,5 Milliarden Euro beim Ausstieg aus der Kohle helfen zu wollen.

Prima. Aber es mindert nicht die Wut unter Politikern wie Aktivistinnen auf dem Nachbarkontinent über europäische und US-amerikanische Heuchelei. In Glasgow versprachen westliche Industrienationen, die Finanzierung weiterer Projekte zur Öl- und Gasförderung zu stoppen. Im Ausland, aber nicht daheim. Großbritannien subventioniert weiter seine Erdölindustrie, die USA wollen ihre Inlandsproduktion sogar noch steigern.

Kein afrikanisches Land sieht seine Zukunft in fossilen Energieträgern

Und während westliche Staaten sowie internationale Finanzinstitutionen den Geldhahn für Erdgasförderung in afrikanischen Ländern zudrehen, stempelt sich die EU Atomkraft und Gas klimafreundlich. Der Vorwurf des „grünen Kolonialismus“ afrikanischer Aktivisten mag in europäischen Ohren harsch klingen, verständlich ist er allemal: Hier warten Abermillionen darauf, dass endlich Strom aus der Steckdose kommt. Gerade Afrika braucht Erdgas für seine wirtschaftliche Entwicklung – als Übergang. Denn kein afrikanisches Land sieht seine Zukunft in fossilen Energieträgern. Kenia oder Sambia beziehen schon heute über 50 Prozent ihrer Energie aus nachhaltigen Quellen. Das Ölland Nigeria, das 2050 mehr Einwohner haben wird als die USA, will seine Stromproduktion bis dahin verachtfachen – überwiegend mit Solarenergie. Zur Absicherung braucht es, wie gesagt, Erdgas. Und mehr finanzielle Hilfe.

Die Forderung nach einer gerechteren Beteiligung und Entschädigung durch Industriestaaten wird nach Glasgow nicht leiser, sondern lauter werden. Immerhin: Die Deutschen sehen ihr Land in der Verantwortung. Über 70 Prozent erklärten in einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im vergangenen Sommer, dass die Industrieländer eine „große“ oder „sehr große“ Verantwortung für die Klimakrise in Entwicklungsländern tragen.  

Die Frage ist, was daraus folgt. Zum Beispiel ein Vorstoß der Ampel-Regierung für einen Loss-and-damage-Fonds. Die nächste Klimakonferenz findet im November 2022 in Ägypten statt.

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