Gabor Steingart

In den positiven Umfragen versteckt sich ein Wert, der Scholz große Sorgen bereiten muss

21.09.2021
Lesedauer: 3 Minuten
Olaf Scholz - Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

War’s das etwa schon, ist das Rennen um das Kanzleramt eine Woche vor der Wahl schon entschieden? Stehen Olaf Scholz und seine SPD schon als sicherer Sieger fest? Keineswegs. Fünf Gründe sprechen genau für das Gegenteil.

Viele Meinungsforscher sind Hochstapler. Sie verkaufen ein flüchtiges Stimmungsbild in Polaroid-Qualität als venezianisches Sittengemälde.

Manfred Güllner, der Gründer und Geschäftsführer von Forsa, zählt nicht zu dieser Spezies. Er weiß um die Unschärfe seiner Befunde. In Gesprächen mit ihm, zuletzt gestern Nachmittag, lernt man viel über das, was sich derzeit in der Seele des Souveräns abspielt, und die Schwierigkeit der Demoskopen, diesen Seelenaufruhr exakt zu erfassen.

Den Vorsprung von Olaf Scholz sollte man nicht überbewerten

Es sind vor allem fünf Gründe, die uns mit Vorsicht, vielleicht sogar mit Skepsis auf den Vorsprung des SPD-Kanzlerkandidaten schauen lassen:

1. Die Befunde der Demoskopie sind grundsätzlich keine Prognose, sondern eine Momentaufnahme. Sie werden von vielen Medien falsch gelesen.

2. Nie zuvor waren so viele Menschen so kurz vor einer Wahl in doppelter Weise unentschieden. Wen sollen sie wählen? Und gehen sie überhaupt wählen? Das bedeutet: Die exakten Prozentangaben der Institute suggerieren eine Genauigkeit, die es derzeit gar nicht geben kann.

3. Die veröffentlichten Sonntagsfragen aller Institute besitzen eine Fehlertoleranz von etwa plus/minus drei Prozent. Das bedeutet: Die SPD-Führerschaft in den Umfragen ist womöglich ein statistischer Irrtum, der sich am Wahlabend von selbst aufhebt. Das ist nicht wahrscheinlich, aber das ist möglich.

Und dann wäre da noch die „CDU-Reserve“

4. Pro Umfrage werden von den Demoskopen normalerweise maximal 1000 Menschen befragt. 1000 Menschen bedeuten bei einer Wahlbevölkerung von derzeit knapp über 60 Millionen Wahlberechtigten lediglich einen Prozentsatz von 0,0017. Deshalb werden die Rohdaten anschließend unter Verschluss gehalten und von den Chef-Demoskopen, auch von Prof. Güllner, „gewichtet“. Diese „Gewichtung“ ist bei einem Kopf-an-Kopf-Rennen und entsprechend knappen Zieleinläufen entscheidend.

5. Güllner registriert bei den Unionswählern eine „Laschet-Hürde“. Das heißt, die Wähler tun sich schwer, diesem Mann ihre Stimme zu geben. Das kommt in den geringen Zustimmungswerten zum Ausdruck. Aber das ist von der Wahrheit nur die eine Hälfte. Güllner registriert zugleich bei den Unentschlossenen eine „CDU-Reserve“. Das heißt: Unter ihnen befinden sich auffällig viele Ex-Unions-Wähler, die nicht wegen, sondern trotz Laschet bis zum Schluss ansprechbar sind. Das SPD-Reservoir dagegen scheint leergefischt.

Fazit: Wir sollten der Scheingenauigkeit der Zahlen misstrauen. Die Demoskopie soll das Wahlkampfgeschehen beleuchten, aber nicht entscheiden. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat die Demoskopen einmal als „außerparlamentarische Herrschaftsinstanz“ bezeichnet. Es liegt an uns, ihnen diese Macht zu entziehen. Denn der Thron dieser Herrschaftsinstanz steht in unserem Kopf.

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