Jonas Hermann

Fall El-Hassan: Bei muslimischem Judenhass nimmt man es in Deutschland nicht so genau

01.10.2021
Lesedauer: 3 Minuten
Die Ärztin und Journalistin Nemi El-Hassan. WDR

Die Ärztin Nemi El-Hassan verliert einen bereits zugesagten Moderatorenjob beim WDR wegen antisemitischer Verfehlungen. Die späte Reaktion des Senders ist bestenfalls halbherzig und ein Beispiel für Doppelstandards.

Der Al-Kuds-Marsch in Berlin ist keine Demonstration, sondern eine Hassparade. In den vergangenen Jahren skandierten dort Antisemiten Hetzparolen gegen Israel. Mittendrin: die Ärztin und Journalistin Nemi El-Hassan. Im Jahr 2014 nahm sie an dem Aufmarsch teil. Das wurde ihr nun zum Verhängnis. Anders als Anfang des Monats verkündet, wird sie nicht die Wissenschaftssendung «Quarks» im WDR moderieren.

Damit endet eine wochenlange Debatte um El-Hassan, die vor allem über die deutschen Medien ausgetragen wurde. Letztlich lässt sie sich auf eine Frage verkürzen: Wird Antisemitismus in Deutschland anders bewertet, wenn er aus muslimischen Kreisen kommt? Im Fall El-Hassan spricht jedenfalls manches dafür.

Prominente und Halbprominente solidarisierten sich mit der 28-jährigen Muslimin, deren Eltern aus Libanon nach Deutschland kamen. Nach öffentlichem Druck hatte sie sich von der Teilnahme am Al-Kuds-Marsch distanziert. Der WDR prüfte den Fall darauf ausführlich. Wie glaubwürdig ihre Distanzierung war, lässt sich schwer beurteilen. Darin lag jedenfalls die letzte Chance, den zugesagten Moderatorenjob zu behalten.

Immer wieder gegen Israel

Noch vor wenigen Monaten bekundete El-Hassan allerdings auf Instagram Sympathien für israelfeindliche Beiträge. Zudem hatte sie bei einem muslimischen Poetry-Slam gegen Israel Stimmung gemacht. Vor allem auch aus diesen Gründen gab der WDR am Dienstag bekannt, dass El-Hassan keine Moderatorin werden wird. Der Intendant Tom Buhrow sagte laut der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» im Rundfunkrat des Senders, El-Hassan könne jedoch eventuell als Autorin für die Sendung arbeiten.

Der Intendant soll dies mit den Worten begründet haben, man habe eine «schwierige, schwierige Abwägung» treffen müssen. Natürlich sollte ein Arbeitgeber vorsichtig agieren, wenn es vor den Augen der Öffentlichkeit um die Karriere einer aufstrebenden Mitarbeiterin geht. So kompliziert wie von Buhrow dargestellt, ist der Fall allerdings nicht.

Man stelle sich vor, der WDR hätte einem jungen Ostdeutschen die Moderatorenrolle angeboten. Wenig später stellt sich heraus, dass er vor einigen Jahren an einer Demonstration von Neonazis teilnahm, wo gegen Migranten gehetzt wurde. Nach heftigem Druck distanziert er sich, doch danach tauchen aktuelle Belege für seine rassistische Gesinnung auf. Würde der Sender trotzdem erwägen, weiter mit dem Mann zusammenzuarbeiten? Natürlich nicht.

Deutschland hat keine Strategie

Null Toleranz bei Antisemitismus, das ist eine der zentralen Lehren aus der deutschen Geschichte. Offiziell wird diese Doktrin von Politik und Medien in Deutschland geteilt. Wer genauer hinschaut, erkennt jedoch Brüche. Der Judenhass von Rechtsradikalen wird aus gutem Grund gegeisselt, beim Antisemitismus aus dem muslimischen Milieu nimmt man es nicht immer so genau.

Mit den starken Migrationsströmen wanderten Menschen aus Kulturen ein, wo Antisemitismus kein Tabu ist, sondern eher gesellschaftlicher Konsens. Bis heute existiert keine Strategie gegen den nach Deutschland importierten Judenhass. Er wird verschwiegen oder relativiert.

Geschlossenheit im Kampf gegen Antisemitismus wäre somit wichtiger denn je. Als faktisch halbstaatliche Institution trägt der WDR hier eine besondere Verantwortung. Er hätte im Fall El-Hassan klar Position beziehen müssen und nicht wochenlang herumeiern dürfen. Antisemiten sollten nicht vom Gebührenzahler finanziert werden.

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