Mit seiner scharf zurückgewiesenen Kritik an linker Identitätspolitik sprach Wolfgang Thierse (SPD) aus, was normale Menschen denken, aber sich nicht mehr zu sagen trauen. Was normal ist, verurteilt heute ein tonangebendes Drittel der Gesellschaft. Doch was ist eigentlich normal?
Mein lang verstorbener Onkel war Psychiater. Der Beruf konfrontierte ihn mit ungewöhnlichen Menschen. Einmal hatte er die Diensttauglichkeit einer Lehrerin zu begutachten, die auf ihr Pult zu klettern pflegte und den Schulkindern Nazilieder vorsang. Meine Eltern sagten, das sei ja nun wirklich jenseits von Gut und Böse. Mein Onkel erwiderte mit erfahrungsgesättigter Gelassenheit: „Ach, was ist schon normal?“
Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse wurde vor Kurzem öffentlich verhauen, weil er gesagt hatte: „Ich bin zum Symbol geworden für viele normale Menschen, die ihre Lebensrealität nicht mehr gespiegelt sehen in der SPD, die unsicher sind, was sie noch sagen dürfen.“ Die Publizistin Cora Stephan liefert in ihrem lesenswerten neuen Buch „Lob des Normalen“ eine Definition: „Normal ist das, was Gewohnheit begründet, etwas, das man nicht erklären muss. Auf das man sich verlassen kann.“ Normal sei das „Wiederkehrende, das Alltägliche.“
Normal, das wäre meine These, ist die Art, wie die meisten von uns die meiste Zeit leben möchten: mit Familie und/oder Freunden, mit Arbeit und Freizeit, Ernst und Spaß, Kindern oder Haustieren, Bier oder Wein. Natürlich brauchen wir, je nach Charakter, auch Abenteuer, Überraschungen, Karneval. Aber darin sind wir als Gesellschaft sehr gut geworden: Was ist denn wirklich noch tabuisiert? Die wenigen Dinge, die man auf keinen Fall tun darf, sind zu Recht geächtet.
Leider gibt es ein Milieu, man kann sagen: ein tonangebendes Milieu, das Normalität und Normalos verachtet. Auf der Linken war das so, seit ich mich politisch erinnern kann: Maoistisch inspirierte Genossen wollten immer die Revolution in Permanenz. Diese Mentalität hat sich verschwistert mit der neoliberalen Ideologie der Disruption, die die Menschen ständig in Bewegung halten will, je nachdem, was ihre Verwertbarkeit gerade erfordert.
Neu hinzugekommen ist eine grün grundierte Moralisierung des Lebensstils: Wer Diesel fährt, sich ein Einfamilienhaus wünscht, Nackensteaks grillt und das Gendersternchen verweigert, ist kein guter Mensch. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel spricht von einer kulturell-linguistischen Zwei-Drittel-Gesellschaft, wobei das Drittel, das sich selbst als progressiv empfinde, die restlichen zwei Drittel zu erziehen versuche. Wer manche öffentlich-rechtlichen Sender verfolgt, kann das glauben. Aber: Zwei Drittel sind immer noch die Mehrheit.



