Alexander Kissler

Die britische Philosophin Kathleen Stock wurde auch von deutschen Gender-Aktivisten vertrieben

02.11.2021
Lesedauer: 3 Minuten
Kathleen Stock. Sonali Fernandez

Weil ihr «Transphobie» vorgeworfen und sie bedrängt wurde, legt die Wissenschafterin ihre Professur in Sussex nieder. An der Hetzjagd beteiligten sich auch Dozenten aus Deutschland. Cancel-Culture und Gender-Ideologie herrschen längst nicht nur in Grossbritannien.

Sie lesen einen Auszug aus dem werktäglichen Newsletter «Der andere Blick», heute von Alexander Kissler, Redaktor im Berliner Büro der NZZ. 

Gibt es an den Universitäten der westlichen Welt eine Cancel-Culture? Müssen Dozenten, die sich dem linken akademischen Zeitgeist entgegenstellen, tatsächlich damit rechnen, ihr Rederecht zu verlieren und ihre Forschungsfreiheit einzubüssen? Der traurige Fall der schottischen Philosophin Kathleen Stock zeigt, dass es sich bei der Cancel-Culture nicht um ein eingebildetes, sondern um ein sehr reales Phänomen der Intoleranz handelt – nicht nur in Grossbritannien.

Ein gegen Stock gerichteter offener Brief vom Januar dieses Jahres fand rund 600 Unterstützer, unter ihnen zahlreiche Wissenschafter von deutschen Hochschulen. Nicht die namhaftesten Professoren, wohl aber Vertreter des akademischen Mittelbaus beteiligten sich an der Hatz auf eine Kollegin. Ob nun, da Kathleen Stock ihre Professur an der University of Sussex entnervt niederlegte, Sektkorken knallen an der Leibniz-Universität Hannover, der Ruhr-Universität Bochum, der Freien Universität und der Humboldt-Universität in Berlin, an den Hochschulen von Augsburg, Tübingen, Erfurt, Aachen und Potsdam?

Die umkämpfte Vorstellung, Geschlechter seien verschieden

Der offene Brief benannte Stocks vermeintliches Vergehen: Transphobie. Der Philosophin wird vorgeworfen, Menschen mit männlichen Geschlechtsorganen, die sich als Frauen definieren, sogenannte «Transfrauen», nicht genügend wertzuschätzen. Im Brief heisst es, «Transmenschen werden in der Gesellschaft tief diskriminiert», da sei es verletzend, ihnen das Recht auf die freie Wahl der Umkleidekabinen oder der sanitären Anlagen abzusprechen.

Stock hatte in Aufsätzen, Büchern, Interviews dargelegt, dass «an der Vorstellung, dass es zwei Geschlechter gibt, nichts verkehrt» sei. Wenn Männer, die sich als Frauen fühlten, Zugang bekämen zu bisher Frauen vorbehaltenen Räumen, werde das «aufgrund der relativ hohen Gewaltrate von Männern gegenüber Frauen in den meisten Ländern zum Problem». Die dahinter stehende Gender-Ideologie sei eine «fürchterliche philosophische Idee». Auch an deutschsprachigen Unis herrscht diese Ideologie längst.

Stock wurde Opfer einer Treibjagd. Das Verdikt aus dem in Deutschland unterstützten offenen Brief zog Kreise. Wer von einer internationalen akademischen Sechshundertschaft als transphob verurteilt wird, hat kein ruhiges Leben mehr. Die Meriten für Emanzipation und Gleichberechtigung, die sich Stock als bekannte lesbische Feministin erwarb, zählten nicht mehr. Die Philosophin wurde von Gender-Aktivisten bedrängt, man riet ihr zum Personenschutz, in den sozialen Netzwerken lautete die Parole: «Stock out». Unter diesen Bedingungen war keine freie Forschung möglich.

Die Intoleranz triumphiert

Bezeichnenderweise hat sich Stocks Arbeitgeber, die University of Sussex, verpflichtet, Transpersonen positiv im Curriculum zu repräsentieren. Den in Grossbritannien ebenso begehrten wie verbreiteten Titel eines «Diversity-Champions» will man nicht gefährden. Dass die Universitätsleitung nun Stocks Rückzug bedauert und die Freiheit des Gedankens verteidigt, hat vor diesem Hintergrund einen schalen Beigeschmack.

Vielfalt wird zur Einfalt, wenn sie sich vom Ideal zur Ideologie wandelt. Die Intoleranz triumphiert, und die Vernunft stirbt, wo eine bestens vernetzte weltanschauliche Lobbygruppe zu Macht und Einfluss gelangt. Das Bekenntnis zur akademischen Freiheit wird wertlos, tritt Identitätspolitik an die Stelle des Arguments. Das im deutschen Sprachraum vergleichbare Fälle sammelnde Netzwerk Wissenschaftsfreiheit weiss ein Lied davon zu singen. Wer die Ereignisse um Kathleen Stock für eine spezielle britische Zuspitzung hält, der dürfte sich irren: Sie stehen sinnbildlich für den steigenden Preis, den entrichten muss, wer jenseits der Bahnen des Erwünschten öffentlich nachdenken will – ob in Sussex oder Berlin.

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