Mit Katastrophen, Sex und hoher Politik will die «Bild»-Zeitung den TV-Markt aufmischen. Die Kampfansage gilt vor allem den öffentlichrechtlichen Anstalten. Ein Besuch bei den Machern des künftigen Senders, Julian Reichelt und Claus Strunz.
Die Kanzlerin war nicht erfreut. Als Angela Merkel jüngst gemeinsam mit der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Marie-Luise Dreyer eine Pressekonferenz hielt im Hochwassergebiet bei Ahrweiler zwischen Schlamm und Ruinen, bemerkte sie eine Unruhe im Publikum. Dreyer redete gerade, als eine «Bild»-Journalistin zeitgleich jene Bürgerin zu befragen anfing, die sich zuvor an Dreyer gewandt hatte. Merkel tadelte und bat: «Könnten Sie vielleicht die Dame noch zuhören lassen, was die Ministerpräsidentin sagt, und hinterher Ihr Interview machen? Das wär doch super.» In diesem Moment wusste die Kanzlerin: «Bild» braucht auch bewegte Bilder. «Bild Live» war da.
Der Optimismus herrscht im Axel-Springer-Hochhaus
Wenn am 22. August aus der Marke «Bild» ein Fernsehsender gleichen Namens werden soll, startet eines der ehrgeizigsten Projekte der jüngeren deutschen Mediengeschichte. In einem Markt, in dem die öffentlichrechtlichen Medien unter erhöhtem Rechtfertigungsdruck stehen, die privaten Sender aufrüsten und Verlage nach Konzepten der Kundenbindung suchen, setzt der Axel-Springer-Konzern auf Risiko – und auf die Flucht nach vorne. Die Auflage der «Bild»-Zeitung sinkt zwar mit zuletzt gebremstem Tempo weiterhin, doch sie ist das reichweitenstärkste, einflussreichste deutsche Printmedium geblieben. Im Fernsehen wird «Bild» eine Nische besetzen. Der Platzhirsch startet als Startup. Niemand weiss, ob der Atem der Macher lang genug und das Interesse des Publikums hoch genug ist, damit das Experiment eines Boulevard-Senders nachhaltig glücken kann.
Niemand? Im 16. Stock des Axel-Springer-Hochhauses in Berlin-Kreuzberg wissen Julian Reichelt und Claus Strunz ihren Optimismus kaum zu bändigen. «Die Marke ‹Bild›», sagt Chefredaktor Reichelt, «passt in ihrer Emotionalität zu keinem Medium besser als zum Fernsehen. Wir wollen mit Bild und Wort emotionale Erlebnisse erzeugen.» Kaum geringer sind die Ansprüche von Claus Strunz, dem ehemaligen Chefredaktor der «Bild am Sonntag», ehemaligen Moderator des «Sat.1-Frühstücksfernsehens» und jetzigen Geschäftsführer TV/Video bei Axel Springer sowie Programmchef des neuen Senders: «Unser Ziel ist es, jeden Tag spannende, unterhaltsame, aufregende, bildstarke Geschichten zu erzählen, die den Menschen etwas bedeuten.»
Werktäglich von 9 bis 14 Uhr wird der Sender unter dem Titel «Bild Live» eine aktuelle Berichterstattung bieten, sonst Reportagen und Dokumentationen und immer dann sich melden, wenn Aussergewöhnliches sich ankündigt. «Wir wollen», so Reichelt, «die Heimat von Breaking News in Deutschland werden.» Der Tod eines Stars aus dem Reality-TV kann das offenbar ebenso sein wie die neuste Wendung in der Corona-Krise.
Wie kam die Leiche in den Nazi-Bunker?
Wo viel Wille ist, findet sich ein Weg – doch führt er zu hinreichend vielen Zuschauern? N24, der mittlerweile von Axel Springer unter dem Titel «Welt TV» übernommene Nachrichtensender, brauchte rund zehn Jahre, ehe er eine Einschaltquote von einem Prozent erreichte. Bei «Bild» vertraut man darauf, dass man nicht aus dem Trainingslager, sondern mitten im Spiel den Vertriebskanal ausweitet. Das Format «Bild Live» gibt es online seit über einem Jahr, momentan werktäglich von 9 bis 11 Uhr. Bis Mitte August will man sich an die 5-Stunden-Strecke heranrobben.
Strunz und Reichelt sind oft auf dem Schirm zu sehen, wenn sie aus dem kleinen Studio, ebenfalls im 16. Stock, die Weltlage kommentieren. Reichelt geisselt scharf und ungeduldig das «Impfversagen» der Bundesregierung oder das «Warn-Desaster» bei der Flutkatastrophe, Strunz scheut vor komödiantischen Elementen nicht zurück. Er formt mit beiden Händen einen Trichter vor dem Mund und imitiert den Ruf der Polizei durch ein Megafon.
Noch voller nimmt den Mund die Eigenwerbung. «Wir gehen für euch an unsere Grenzen», heisst es im Videoclip, «jetzt. Für euch. Vor Ort.» Die weibliche Stimme aus dem Off ist rauchig, laut und übertrieben schrill, klingt nach Jahrmarkt oder Actionfilm: «Was hinter dem irren Rassismus-Workshop steckt, gleich bei ‹Bild Live›.» Später geht es um eine «Leiche im Nazi-Bunker», Markus Söders Regierungserklärung zur Umweltpolitik – «Bayern ist im Klimastress» –, heftige, aber kurioserweise nicht näher lokalisierte Überschwemmungen «in China» und Florian Silbereisens «rote Unterhose».
Davor war fast eine halbe Stunde der FDP-Vorsitzende Christian Lindner zu Gast im 16. Stock und liess sich von Reichelt nicht aufs Glatteis locken: «Ich werde diese Frage nicht auf der Basis der Zeitungslektüre der ‹Bild› seriös beantworten, weil es eben nur Zeitungsrecherche ist.» Er warte auf eine amtliche Untersuchung in der Frage, ob das Warnsystem in der Flutkatastrophe wirklich versagt habe. Da war Reichelt nicht erfreut.
Der neue Sender ist zum Erfolg verdammt
Andererseits zeigt der Schlagabtausch zwischen ihm und Lindner, wie das System funktioniert. Wenige Minuten später waren die beiden Top-Plätze bei bild.de mit einem «Bild Live»-Zitat von Lindner belegt («müssen über eine Klima-Haftpflicht sprechen») und mit Reichelts Live-Kommentar («Warn-Desaster Grund für einen Rücktritt»). Auch für die gedruckte «Bild» oder «Bild am Sonntag» wirft «Bild Live» Zitate ab, und bei Youtube brummt der Laden einigermassen.
Dort hat Strunz’ Kommentar über den «Tod durch E-Mail-Verteiler» in der Flutkatastrophe fünf Tage später rund 260 000 Aufrufe. Wer ihn bis zu Ende anschaut, wird von Anchorman Kai Weise begrüsst, vollbärtig, hemdsärmelig: «Wir sind ‹Bild›, und wir liefern dir deine News auf Youtube. Zum nächsten Video kommst du hier» – er deutet auf das eingeblendete Konterfei Reichelts rechts oben –, «und vergiss bitte nicht, unseren Kanal zu abonnieren.» Mittlerweile haben es 760 000 Menschen getan.
So greifen die Kanäle, Ausspielplätze und Verdienstmöglichkeiten ineinander. Mit dem Fernsehsender «Bild» wird laut Strunz ein schneller Vertriebsweg hinzugefügt, «der uns in die Lage versetzt, Geld zu verdienen, wo wir es bis jetzt nicht tun.» Das «Schwungrad der journalistischen Verwertungskette» erhalte einen zusätzlichen Antrieb. Reichelt nennt es «nicht hinnehmbar, dass die grösste Medienmarke in Deutschland vom grössten Werbekuchen in Deutschland nichts hat».
Zwischen dem online verteilten Etat und den Summen, die die Unternehmen für Fernsehwerbung bereitstellen, liegt etwa der Faktor 15: Da stehen 300 Millionen Euro viereinhalb Milliarden gegenüber. Die Werbespots, die «Bild Live» zeigt, stammen von Bierbrauereien, Brokern und Mineralwasserherstellern. Auch insofern ist der neue Sender zum Erfolg verdammt. Die Einnahmen liessen sich, wie es neudeutsch heisst, besser skalieren.
Angriff auf «Anne Will»
Mit dem unaufhörlichen Bilderhunger eines Fernsehsenders wird sich das schmale Portfolio eigener Dokumentationen erweitern, die später dann gewinnbringend verkauft werden könnten, möglicherweise an ausländische Abnehmer. Die online derzeit angebotenen Videos aus Eigenproduktion deuten an, wohin die Reise auch beim Fernsehsender gehen wird: «Die Wahrheit über Deutschlands Fitness-Influencer», «Wenn der Traummann zum Zuhälter wird», «Waldsterben in Deutschland».
Später könnten hier gegen Entgelt aufwendigere Dokumentationen stehen, etwa der filmische Ertrag von Paul Ronzheimers jüngster Recherche-Reise nach Afghanistan. In der Programmvorschau für die erste Sendewoche finden sich eingekaufte Dokumentationen über einen «Horrorurlaub im Paradies» oder «Helden im Cockpit». Nachmittags heisst es «Grillen extrem», nachts dann «Let’s talk about Sex. Von Masturbation bis zum ersten Mal».
An solche Produktionen denkt Julian Reichelt gewiss nicht, wenn er beim Blick über Berlin in seinem Büro, dessen grünes Feldbett unlängst durch eine siebenteilige Serie bei Amazon berühmt wurde, sagt: «Eine der grössten Marktlücken im deutschen Journalismus ist derzeit Journalismus: hingehen, unideologisch schauen, was passiert, und darüber berichten.» Man glaube bei «Bild» nicht an «Erziehungsjournalismus». Es komme darauf an, Ideologie offenzulegen. An diesem Anspruch wird sich «Bild Live» messen lassen müssen und erst recht die Talkshow «Die richtigen Fragen» am Sonntagabend um 21 Uhr 45 – zu exakt jener Zeit, da im Ersten Anne Will zum politischen Hochamt der Berliner Republik lädt, freilich nicht jede Woche.
An guten Abenden sind «Die richtigen Fragen» schon heute die bessere «Anne Will». Der Moderator Kai Weise war Redaktionsleiter bei der ARD-Talkshow «Günther Jauch». Heute befragt er die zugeschalteten Politiker härter als Will und lässt im Gegensatz zu dieser ein Gespräch entstehen. Der Erfolg von «Bild», dem Fernsehsender, wäre auch der Erfolg Kai Weises – oder beider Misserfolg. Über eine weitere Talkshow denkt der künftige Sender bereits nach.
Die Devise heisst «TV first»
Weise verhalf «Bild Live» zu einem Überraschungserfolg gegenüber den Öffentlichrechtlichen im Zuge der Hochwasserkatastrophe. Während der Westdeutsche Rundfunk und der Südwestrundfunk ihre Gebührenzahler in der ersten Flutnacht nur sporadisch informierten, blieb «Bild Live» in der «Sommer-Katastrophen-Flut» kontinuierlich auf Sendung. Dank einem teuer angemieteten Helikopter gab es, in Weises Worten, «unglaubliche Bilder», «dramatische Bilder», «spektakuläre Rettungsbilder». Frei von Voyeurismus war das nicht.
Die jungen Reporter am Ort des Geschehens zeigten mitunter unfreiwillig komisch, welche Herausforderungen auf dem Weg zum Fernsehjournalisten lauern und welch aufwendiger Umschulungs- und Trainingsmassnahmen es bedarf. «Noch schön zu sehen», sagte eine Aussenreporterin, seien «die Auswirkungen der Geröll». Da gebe es «ganz, ganz viele katastrophale Zustände noch». Das Wort, das laut Reichelt gemeinsam mit dem Bild emotionale Erlebnisse erzeugen soll, sperrt sich an vielen Stellen gegen eine solche Indienstnahme. Die Live-Berichterstattung zur Flutkatastrophe hatte ein Publikum von rund einer halben Million Menschen, die im Schnitt 13 Minuten lang dabeiblieben.
Nicht alle Mitarbeiter sollen von der neuen Devise «TV first» begeistert sein. Schliesslich gilt es weiterhin, eine Zeitung zu füllen. Nicht jeder Journalist ist davon angetan, für einen «Aufsager» vor der eigenen Handykamera bereit sein zu müssen, wo immer er geht oder steht. Auch dass es nun an Sendetagen von «Bild Live» eine frühmorgendliche Redaktionskonferenz um sechs Uhr geben wird, könnte noch für Turbulenzen sorgen. Dem Zusammenspiel zwischen dem Studio im 16., der Regie im 10. und der Redaktion im 3. Stock steht seine Belastungsprobe noch bevor. Und ob krawallige Dokumentation als Dutzendware eine signifikante Minderheit zum Programmieren und Einschalten eines neuen Senders animiert, scheint fraglich. Die freudig kommunizierte «technische Reichweite von rund 85 Prozent der deutschen TV-Haushalte» ist eine sehr theoretische Grösse.
Hinab vom 16. Stock führen zwei Fahrstühle und ein Paternoster. Auch bei «Bild» enden alle Wege auf dem Erdboden.




