Alexander Kissler

Das Debakel in Afghanistan beendet Merkels Ära

18.08.2021
Lesedauer: 3 Minuten
Die deutsche Bundeskanzlerin nach ihrer Erklärung zu Afghanistan. Imago

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Im politischen Betrieb sind sechseinhalb Jahre eine Ewigkeit. Kaum ein Umstand illustriert diese Tatsache besser als die Lobeshymnen, die etwa das «Time Magazine» Ende 2015 auf Angela Merkel sang. Der «Kanzlerin einer freien Welt» gelinge es, mit «Menschlichkeit, Güte, Toleranz» die «grosse Stärke Deutschlands» zum Retten statt zum Zerstören zu nutzen. So lobten damals viele. Im Spätherbst dieser Kanzlerschaft und im Licht des Afghanistan-Debakels zeigt sich: Stark ist Deutschland in seinen moralischen Ansprüchen an andere, Menschlichkeit wird beschworen, aber selten praktiziert, die Toleranz gilt dem eigenen Versagen. Mit dieser Bilanz wird Merkel aus dem Amt scheiden.

Natürlich handelt eine Kanzlerin nicht im Alleingang. Auch im Jahr 2015, das heute als Chiffre für eine migrationspolitische Krise erscheint, war das so. Die Parteien im Kabinett – damals wie heute CDU, CSU und SPD – trugen Merkels faktische Grenzöffnung mit. Was folgte, die Aufnahme von Asylbewerbern und Migranten in siebenstelliger Zahl, gilt den einen als Höhepunkt humanitären Handelns und anderen als Tiefpunkt nationaler Blauäugigkeit.

Stillos, aber symptomatisch

Merkel schrieb Geschichte und war deshalb nicht nur für das «Time Magazine» die «Person des Jahres». Heute ist sie vom Führersitz der Geschichte in die Loge gewechselt, hat sich von der vermeintlichen Gestalterin zur Zuschauerin gewandelt – ganz buchstäblich: Am Abend, als die Tragödie in Afghanistan eskalierte und Menschen auf dem Flughafen von Kabul um ihr Leben rannten, sass sie in einem Berliner Kino und genoss einen Dokumentarfilm über Politikerinnen in der alten Bundesrepublik.

Die Flucht in den Kinosessel war ebenso stillos wie symptomatisch. Wenige Stunden zuvor hatte die Kanzlerin erklärt, die Machtübernahme der Taliban sei «bitter, dramatisch und furchtbar, ganz besonders für die Menschen in Afghanistan», bitter aber auch für Deutschland. Für die strategische Fehleinschätzung übernehme sie die Verantwortung. Noch im Februar hatte die Einschätzung der Lage in Merkels Worten so geklungen: Es handle sich um eine erfolgreiche Mission, Deutschland bleibe gerne länger in Afghanistan, der Abzug der Truppen dürfe «nicht darin enden, dass die falschen Kräfte dort die Oberhand gewinnen».

Wie übernimmt man Verantwortung, wenn das Ziel so kolossal verfehlt wurde? In der Ära Merkel stellte sich ein Muster ein: Verantwortung wird dadurch übernommen, dass man sagt, man übernehme die Verantwortung. Auch beim Missmanagement in der Corona-Krise – bei der zögerlichen Bestellung von Masken und Impfstoffen, dem Hin und Her im Irrgarten der Inzidenzwerte, der Nonchalance, mit der Grundrechte entzogen werden – war Verantwortung eine bestenfalls rhetorische Kategorie.

Digitalisierung – was ist das?

Und wie in der Corona-Krise zeigt sich in der afghanischen Katastrophe, dass die Bürokratie die wahre Königin von Deutschland ist. Von den Fax-Geräten, mit denen die Gesundheitsämter kommunizierten, führt ein gerader Weg zum schleppenden Start der Bundeswehrflugzeuge ins bedrängte Kabul. Die tschechische Luftwaffe hatte Botschaftspersonal bereits evakuiert, da war noch keine deutsche Maschine gelandet. Später wurden dann sieben Personen ausgeflogen. Afghanische Ortskräfte, die sich auf deutsche Zusagen verlassen hatten, sehen sich im Stich gelassen.

Zum deutschen Bürokratismus treten eine ebenso epidemisch gewordene Schwerfälligkeit auf dem Feld der Digitalisierung und eine weitverbreitete Aversion gegen Technik, Freiheit, Selbstverantwortung. Angela Merkel hat diese Zustände nicht herbeigeführt, aber sie tat in den vergangenen 16 Jahren wenig, um daran grundlegend etwas zu ändern. Der Satz, man werde die «Kanzlerin einer freien Welt» noch vermissen, war schon immer fragwürdig. Mit dem Desinteresse Merkels an der afghanischen Katastrophe hat er jede Gültigkeit verloren.

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