Josef Ramthun ist Gießerei-Chef und investierte als Autozulieferer schon früh in die E-Mobilität. Die Produkte landen in Modellen von Porsche und Audi – doch das Geschäft reicht gerade zum Überleben: Über die Autobranche, Umsiedlungsangebote und „elitäre Viertagewöchler“.
WirtschaftsWoche: Herr Ramthun, Sie sind Gießereibesitzer. Stört es Sie, dass solche Unternehmen vielerorts als „Old Economy“ abgestempelt werden?
Josef Ramthun: Das geht schon unter die Haut, verkennt aber die Tatsachen. Es wird immer gegossene Bauteile geben. Man kann die natürlich irgendwo in der Welt kaufen. Aber wir können auch einen Teil dieser Wertschöpfung hier im Land behalten und weiter die besten Produkte herstellen.
Als Automobilzulieferer liefern Sie Gussteile für Fahrzeuge, einer der wichtigsten Kunden ist ZF. Und Sie haben sich unlängst ein Standbein bei der Elektromobilität geschaffen.
Wir liefern Teile für Plattformen, aus denen Elektrofahrzeuge wie der Audi E-Tron, die ID-Modelle von Volkswagen oder der Porsche Taycan entstehen. Viele unserer Produkte sind unabhängig vom Antrieb, Achsteile zum Beispiel. Aber ja, der Anteil des Geschäfts mit der E-Mobilität wächst jedes Jahr, bei Aluminium speist es sich mittlerweile zur Hälfte daraus. In zehn Jahren werden wir wahrscheinlich überwiegend Produkte für die E-Mobilität haben.
Was gibt es dann dafür nicht mehr?
Auf lange Sicht fällt der Getriebebau wahrscheinlich weg. Es wird kein neues Getriebe aktuell entwickelt. Wir nehmen das Geschäft mit, solange es noch geht.

Wann haben Sie entschieden: Elektromobilität ist für uns als Gießerei die Zukunft?
Wer als Autozulieferer einen neuen Markt erobern möchte, braucht einen Vorlauf von mehreren Jahren. Wir haben vor über fünf Jahren mit Produkten für Elektromobilität angefangen, seitdem 15 Millionen Euro investiert. Kunden müssen einen Zulieferer als Partner in der Wertschöpfung anerkennen. Uns hat geholfen, dass wir früh in den 3-D-Druck investiert haben, so konnten wir schneller Bauteile zum Anfassen und für die Prüfstande auf den Tisch legen und uns bei Serienaufträgen gegen Wettbewerber durchsetzen.
Ihre Gießerei nennen Menschen hier am Standort Kitzingen in Nordbayern „das Gusswerk“. Sie haben die Gießerei vor 14 Jahren per Management Buyout aus der Insolvenz gekauft. Warum?
Das Werk ist über 100 Jahre alt, gehörte Sachs, Mannesmann, ZF; war dann in amerikanischer Hand. Wir haben hier das Know-how, die Menschen, die Maschinen. Daran habe ich fest geglaubt; und an die Qualität unserer Produkte. Auch ein Konzern wie Volkswagen muss auf dem ganzen Globus suchen, um das zu finden – und landet dann manchmal wieder bei uns.
Sie sprechen den Druck an, dass Autobauer und große Zulieferer viele Teile günstiger im Ausland einkaufen. Das Einkaufssystem der Autoindustrie ist ausgebufft und sucht seinesgleichen. Hilft es, ein verlässlicher lokaler Zulieferer zu sein?
Zunächst haben wir am Standort Deutschland den Stempel auf der Stirn, per se zu teuer zu sein. Aber unsere Gießerei hat einen großen Vorteil – nämlich, dass wir die ganze Wertschöpfungskette unter einem Dach haben. Heißt: Wir gießen, bearbeiten und montieren. Und fahren die Teile nicht quer durch die Welt – dadurch sparen wir CO2. Im Einkauf gilt: Das ganze Modul aus Zuliefererbauteilen, beispielsweise eine Vorderachse, muss das günstigste und beste Produkt sein – dann bekommen auch wir den Auftrag.
Das Geschäft, zumal mitten in der Transformation, ist kein einfaches. Viele Zulieferer beklagen zudem, dass die Planbarkeit nachlässt, die Abrufzahlen schwanken.
Ich zahle dafür sicher keine Vergnügungssteuer. Wenn man mit einer Million Stück plant und nur 600.000 Stück vom Band laufen, hat man ein Problem. Aber das ist unser Risiko. Das Wichtigste für uns sind Prämissen der Politik, dass die Rahmenbedingungen feststehen – und wir so überhaupt eine Chance haben.
Sie spielen auf die Energiekosten hierzulande und die Debatte um den Industriestrompreis an.
Die Strompreiserhöhung von 2022 auf 2023 kostet unsere Gruppe 25 Millionen Euro. Wir brauchen einen international wettbewerbsfähigen Deckel, genau: den Industriestrompreis. Ob der Strom fünf oder sieben Cent kostet, ist mir dabei egal, wichtig ist Planungssicherheit. Wenn wir klimaneutral sein sollen, aber keinen Strom bekommen, dann geht das nicht zusammen. Diese Umstellung darf anstrengend und herausfordernd sein, ich möchte nicht nur Rückenwind haben. Aber wir wissen aktuell weder, ob wir genug Strom bis ans Werk bekommen, noch, ob er dann grün ist und wie teuer er sein wird. Solange das nicht beantwortet ist, werde ich keine Bank finden, die mir die Finanzierung der benötigten 35 Millionen Euro zusagt – diese Summe muss ich nämlich aufbringen, damit der Standort klimaneutral wird.
Sie wollen aber investieren?
Ja, aber davor brauchen wir Prämissen. Wenn die Politik zu spät entscheidet und Kunden Produkte abziehen, brauche ich keine 35 Millionen Euro mehr investieren – dann kann ich zusperren. Ein gedeckelter Strompreis bedeutet übrigens lange nicht, dass dann die Erträge der energieintensiven Zulieferer durch die Decke gehen. Das ist ein Märchen. Wir sind in einer Range beim Ertrag, wo wir gerade noch überleben.
Es gibt das Argument, ein günstigerer Strompreis animiere nicht zum Sparen.
Es gibt tatsächlich Menschen in der Politik, die glauben, wenn der Strom günstiger wird, dann verbrauchen Unternehmen mehr davon. Was ist das für ein Unfug? Wir müssen aus Stahlschrott oder Aluminiumbarren flüssiges Material machen. Dafür brauchen wir logischerweise sehr viel Energie. Wenn wir zu viel verbrauchen, sind wir sicher nicht wettbewerbsfähig. Es liegt in der Natur energieintensiver Branchen, mit Energie so sorgsam wie es nur geht umzugehen. Energie macht mittlerweile einen Anteil von 20 Prozent unserer Kosten aus. Wir machen seit vielen Jahren Programme, um den Energieverbrauch zu senken und effizienter zu sein. Das geht gar nicht anders.
Hatten Sie schon Umsiedlungsangebote auf dem Tisch? Das berichtete der Chef der Krefelder Gießerei Siempelkamp jüngst.
Es gibt genug Angebote, das was wir hier machen, woanders neu aufzubauen. Ich habe noch nicht den Hauch einer Sekunde übers Abwandern nachgedacht. Aber irgendwann muss man natürlich entscheiden: Hat man noch eine Chance, hier in Deutschland zu produzieren oder nicht? Wenn der Strompreis nicht runtergeht, werden wir hierzulande deindustrialisiert. Keiner wird den Standort aus dem Fundament reißen und woanders neu aufbauen. Aber wenn die Entscheidung zu einem günstigen Strompreis zu spät kommt, sind die Produkte nicht mehr da. Investoren kommen nicht nach Deutschland, sondern geben ihr Geld woanders aus. Wer soll denn künftig Steuern zahlen? Es ärgert mich auch, wenn ich die Subventionen für Intel verfolge. Denn unsere Transformation wird mit keinem Cent unterstützt.
Sie engagieren sich in Verbänden, stehen im Austausch mit anderen Familienunternehmern. Wie ist die Stimmung?
Die Stimmung im Mittelstand ist so schlimm, wie ich sie noch nie erlebt habe. Frankreich, Spanien, Portugal, Italien – all diese Länder haben einen Weg für ihre Industrie gefunden, um den Strom günstiger zu machen. Zudem bremst uns die ganze Bürokratie. Wir sind nur noch mit Nebenkriegsschauplätzen beschäftigt.
Sie beschäftigen in Nordbayern und Sachsen in zwei Gießereien um die 1400 Mitarbeiter. Fehlen Ihnen auch Fachkräfte?
Wir müssen vor allem aufhören, ständig die Botschaft zu wiederholen, dass alle weniger arbeiten sollten. Keine Nation der Welt arbeitet weniger als wir Deutschen, niemand will sich mehr die Hände schmutzig machen. Aber ich kann nicht nur Professoren beschäftigen. Und wie soll das funktionieren, wenn es die elitären Viertagewöchler gibt – wer macht Schichtdienste und Wochenendarbeit? Die Lebensarbeitsleistung muss doch wachsen und nicht heruntergehen. Wir müssen uns mittlerweile um jeden Einzelnen kümmern und bei Laune halten, damit die Leute kommen und ihren Beitrag leisten.
Wollen Ihre Mitarbeiter auch lieber weniger arbeiten?
Es gibt welche, die nicht mehr am Wochenende oder nachts arbeiten wollen und drohen, zu kündigen. Ich kann den Kupolofen aber nicht abschalten, dann kann ich die Anlagen auch gleich ganz herunterfahren. Sie müssen permanent überwacht werden, wir haben Temperaturen von über 1500 Grad im Ofen. Das lässt sich nicht automatisieren.
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