Die Fusion soll trotz Pandemie mit Zehntausenden Teilnehmenden stattfinden. Der Festivalveranstalter hält das auch ohne Masken für möglich und erklärt sein Konzept.
Martin Eulenhaupt ist mit dem Kulturkosmos Müritz e. V. Veranstalter des alternativen Fusion Festivals, das seit über 20 Jahren im mecklenburgischen Lärz stattfindet. Zumindest bis im letzten Jahr die Pandemie dazwischenkam. Nun haben sie ein Konzept vorgestellt, mit dem sie das Feiern trotzdem ermöglichen wollen.
ZEIT Campus ONLINE: Sie haben in dieser Woche ein Konzept vorgestellt, mit dem Sie beweisen wollen, dass Festivals in diesem Sommer möglich sind. Ein mutiges Vorpreschen?
Martin Eulenhaupt: Na ja, wir wollen ins Handeln kommen. Wir brauchen einen Vorlauf und wir müssen ein Signal an unser Netzwerk senden, dass wir daran arbeiten und auch daran glauben, dass ein Festival in diesem Jahr stattfinden kann. Trotzdem: Planungssicherheit wird es nicht geben. Ob es wie geplant zwei Wochenenden mit jeweils 35.000 Gästen werden, also mit der Hälfte der üblichen Menge, wissen wir derzeit noch nicht – aber irgendwas werden wir in diesem Sommer veranstalten.
ZEIT Campus ONLINE: Könnten Sie Ihr Konzept kurz erklären?
Eulenhaupt: Kurz ist es nicht zu erklären, es ist sehr umfangreich und mit viel Fachwissen entwickelt. Die Essenz heißt: testen, testen, testen.
ZEIT Campus ONLINE: Sie wollen 180.000 PCR-Tests durchführen, dafür aber keine Masken auf dem Gelände vorschreiben.
Eulenhaupt: Wir fordern alle Gäste auf, am Tag der Anreise einen Schnelltest zu machen. Und wir testen noch mal alle, wenn sie ankommen, mit einem kostenlosen PCR-Test. Für diejenigen, die im Bus anreisen, wird es Vorfeldteststationen in Berlin, Hamburg, Leipzig oder Jena geben. Vorher und an allen Teststationen gelten natürlich die AHA-Regeln. In einer so großen Dimension ist es logistisch aufwendig, aber machbar. So wird das Infektionsrisiko auf dem Festival auf ein minimales Restrisiko reduziert. Und Masken sind auf dem Gelände dann nicht nötig.
ZEIT Campus ONLINE: Die Auswertung der PCR-Tests dauert doch immer mindestens 24 Stunden, wie soll das logistisch gehen?
Eulenhaupt: Wir können das schneller machen, weil wir ein eigenes Labor samt einem großen Team an Fachpersonal haben. Es gibt da verschiedene Möglichkeiten zur Optimierung des Verfahrens. Zum Beispiel, wie schnell man die Proben vom Abstrich in die Reagenzien und dann in die PCR-Maschine bekommt. Wir gehen davon aus, dass wir nicht viel länger als 90 Minuten brauchen, um ein Ergebnis in unserem Ticketingsystem vorliegen zu haben.
„OHNE FREIGESCHALTETEN CHIP GIBT ES KEINEN ZUGANG ZU FESTIVAL- UND CAMPINGFLÄCHE.“
Martin Eulenhaupt
ZEIT Campus ONLINE: Wie erfahren die Gäste von ihrem Ergebnis?
Eulenhaupt: Es wird über einen Chip am Armband auszulesen sein. Ohne freigeschalteten Chip gibt es keinen Zugang zu Festival- und Campingfläche. Die Menschen werden umgehend, zum Beispiel per SMS, über ihr Ergebnis benachrichtigt. Für Positive gibt es eine medizinische Betreuung. Der Ct-Wert erlaubt eine Aussage darüber, wie hoch die Viruslast ist. Und das Gesundheitsamt wird entscheiden, wie eine Quarantäne angeordnet wird. Wir haben Kapazitäten dafür vor Ort und können auch einen infektionsgeschützten Transport nach Hause organisieren.
ZEIT Campus ONLINE: Wie stellen Sie das von IT-Seite sicher?
Eulenhaupt: Wir haben seit vielen Jahren eine kompetente IT-Crew, die auch bei anderen Großveranstaltungen – zum Beispiel denen des Chaos Computer Clubs – Ticketsystem und die Netzinfrastruktur betreibt. Und durch die Direktanbindung der Labore können wir Tests und Tickets direkt einander zuordnen.
ZEIT Campus ONLINE: Am Donnerstag kommen die ersten Gäste, die – wenn sie negativ getestet wurden – Freitag und Samstag feiern können, am Sonntagmorgen soll das Festivalprogramm aber noch mal unterbrochen werden, warum?
Eulenhaupt: Ja, ab Samstagabend wird es an allen Schleusen zwischen Festival- und Campingfläche eine zweite PCR-Testung geben. Die Tests erfolgen im Poolingverfahren. Das bedeutet, dass mehrere Proben von verschiedenen Menschen zusammen ausgewertet werden. Wird bei einem Pool Virenlast nachgewiesen, werden alle Personen aus diesem Pool noch einmal individuell getestet. Um sicherzustellen, dass alle diesen zweiten Test machen, gibt es eine Feierpause. In der Pause muss das komplette Festivalgelände geräumt werden. Nur Leute mit negativem Test können dann wieder von der Campingfläche zurück.
„DIE CORONA-EINSCHRÄNKUNGEN SIND UNGLEICH VERTEILT“
ZEIT Campus ONLINE: Mit wem haben Sie das Konzept erarbeitet?
Eulenhaupt: Das Konzept wurde in den vergangenen Monaten mit Medizinerinnen, Labors und IT-Spezialisten erarbeitet. Viele davon arbeiten in bekannten medizinischen Institutionen, die aber nicht offiziell involviert sind. Der für das Festival zuständige leitende Notarzt von der Klinik Rostock hat das Konzept geprüft und für gut befunden.
ZEIT Campus ONLINE: Waren die Behörden auch involviert?
Eulenhaupt: Das wäre unüblich. Solche Konzepte werden erarbeitet und dann den Behörden zur Prüfung vorgelegt.
ZEIT Campus ONLINE: Wer genau prüft das Konzept dann?
Eulenhaupt: Dafür ist das Ordnungsamt Röbel zuständig. Der Landkreis lässt dafür verschiedene Fachbehörden Stellung beziehen und zuarbeiten. Dazu gehören unter anderem das Bauamt und das Gesundheitsamt. Abschließend gibt auch die Polizei eine Empfehlung zum Sicherheitskonzept ab.
ZEIT Campus ONLINE: Sie kritisieren auf Ihrer Website, dass während der Pandemie Waffen und Autos produziert werden, Großraumbüros und Fabriken offen seien, Kultur aber als verzichtbar betrachtet werde.
Eulenhaupt: Obwohl wir der Politik ein massives Versagen in der Pandemiebekämpfung vorwerfen, erachten wir einen Großteil der Schutzmaßnahmen als vernünftig und verstehen unseren Verzicht als Solidarität mit und gegenüber allen. Aber die Einschränkungen sind ungleich verteilt. Die Wirtschaft läuft weiter, als wäre nichts gewesen – aber der Kulturbetrieb steht seit über einem Jahr still.
„ANSTATT DEN AUSFALL UNSERER BRANCHE ZU KOMPENSIEREN, SOLLTEN LIEBER TESTS SUBVENTIONIERT WERDEN.“
Martin Eulenhaupt
ZEIT Campus ONLINE: Haben Sie das Konzept denn aus wirtschaftlichen Interessen erarbeitet oder soll politischer Druck gemacht werden?
Eulenhaupt: Aus rein wirtschaftlichen Überlegungen würden wir diese hohen Investitionen sicherlich nicht machen. Aber wirtschaftliche Interessen sind nicht unser Antrieb. Natürlich wollen wir auch ein politisches Signal senden.
ZEIT Campus ONLINE: Was sind denn Ihre politischen Forderungen?
Eulenhaupt: Wir machen das mit dem Ziel, dass wir und andere in diesem Sommer Festivals veranstalten können. Anstatt den Ausfall unserer Branche zu kompensieren, sollten lieber Tests subventioniert werden, um ein Stattfinden unserer Veranstaltungen möglich zu machen. Ansonsten wird nach der Pandemie ein großer Teil der Festivalkultur verloren sein.
ZEIT Campus ONLINE: Im letzten Jahr haben Sie die Veranstaltung abgesagt. Was würde eine weitere Absage für das Fusion Festival bedeuten?
Eulenhaupt: Wir haben einen Haushalt für das nächste Festival und wir haben laufende Kosten. Anderen Veranstalterinnen geht es nicht anders. Je näher das Festival rückt, umso höher sind natürlich auch die Ausfallkosten, weil man ja Verträge mit Fremdfirmen und Künstlerinnen macht.
ZEIT Campus ONLINE: Warum schlagen Sie das Konzept jetzt vor, mitten in der dritten Welle?
Eulenhaupt: Wir können nicht auf die Impfung warten und dann ist der Spuk vorbei. So langsam dämmert es ja allen, dass wir mit dem Virus noch länger zu tun haben und wir Mittel und Wege finden müssen, mit ihm zu leben, bevor die Kultur nicht mehr zu retten ist.
ZEIT Campus ONLINE: Ist denn diese Kultur wirklich so wichtig? Tanzen, feiern – darauf könnte man doch noch ein Jahr verzichten, oder?
Eulenhaupt: Das Fehlen von sozialer Interaktion macht die Menschen langsam kirre. Sie vereinsamen, werden schrullig. Ein Festival ist ein exzellenter Mikrokosmos. Das Erleben von Neuem, das Erfreuen am Tanzen fehlt extrem. Junge Leute bekommen da einen Input, der für eine Sozialisation sehr wichtig ist.






