Neue Regeln, neue Machtverhältnisse? Charles Leclerc und Ferrari haben sich nach zwei sieglosen Saisons eindrucksvoll zurückgemeldet. Weltmeister Max Verstappen erlebte ein Desaster. Und Lewis Hamilton wird lachender Dritter.
Freude bei Ferrari, Entsetzen bei Red Bull: Ab Runde 17 lieferte sich Weltmeister Max Verstappen in Bahrain über drei Runden ein fulminantes Duell mit zahlreichen Führungswechseln mit seinem ärgsten Konkurrenten. Und dieser hieß diesmal nicht Lewis Hamilton – sondern Charles Leclerc. Der Ferrari-Pilot und Polesetter verteidigte seine Führung. Beide Fahrer zeigten harte, aber faire Überholmanöver – und es schien, als hätte sich die Hoffnung der Formel 1, durch das neue technische Reglement mehr Spannung in die Rennen zu bringen, bereits erfüllt. Auf eine Neuauflage des Zweikampfs kurz vor Schluss mussten die Zuschauer dann aber verzichten, stattdessen überschlugen sich die Ereignisse.
The moment it became a 1-2 for Ferrari…
— Formula 1 (@F1) March 20, 2022
And it all slipped away for Red Bull 💔#BahrainGP #F1 pic.twitter.com/OmAj2c83Vu
Das Ergebnis: Leclerc gelang es, seinen Sieg ins Ziel zu fahren. Gemeinsam mit seinem Teamkollegen Carlos Sainz feierte die Scuderia den ersten Grand-Prix-Sieg seit September 2019. Dritter wurde – überraschend – Hamilton im Mercedes. Der Vizeweltmeister profitierte dabei von dem Doppelausfall der Red Bull. Sowohl Verstappen als auch Sergio Pérez mussten ihre Autos kurz vor Schluss abstellen. Lesen Sie hier den Rennbericht.
e910 Tage Warten: Angesichts der neuen Regelnwar vor dem ersten Stresstest kaum zu prognostizieren, wie gut die neuen Autos der Teams über eine gesamte Renndistanz sein werden. Ferrari hatte nicht zuletzt im Qualifying gezeigt, dass mit ihnen zu rechnen ist. Doch mit einem Doppelsieg – wie es dem Team zuletzt in Singapur 2019 mit Sebastian Vettel und Leclerc gelang –, hatte wohl nicht mal Letzterer gerechnet. »Ich bin so glücklich, die letzten zwei Jahre waren so schwer für das Team«, sagte Leclerc nach seinem nahezu fehlerfreien Rennen. »Genauso sollten wir diese Saison starten. Auf eins und zwei, Baby! Mamma Mia!«, hatte er noch aus dem Auto seinem Team gefunkt. Nach einer katastrophalen Saison 2020 mit Platz sechs in der Konstrukteurs-WM war Ferrari gegenüber Mercedes und Red Bull auch im letzten Jahr nicht konkurrenzfähig gewesen.


Foto: Hassan Ammar / AP
Liegen geblieben: Mit einem Komplettausfall hatte Red Bull auf der anderen Seite vermutlich aber auch nicht gerechnet. Zwar schaffte es Leclerc immer wieder, Verstappen, der von Platz zwei gestartet war, zu distanzieren, dennoch war der Weltmeister der einzige Fahrer im Feld, der überhaupt an Leclercs starkem Ferrari dranbleiben konnte. In der ersten Phase des Rennens fuhren beide ein solides Polster auf ihre Teamkollegen auf den Plätzen drei und vier heraus. Als der brennende Alpha Tauri von Pierre Gasly in Runde 46 eine Safety-Car-Phase auslöste, klagte Verstappen schließlich über Probleme mit der Lenkung. Beim Neustart konnte er sich nur knapp gegen Sainz behaupten, schließlich wurde der Red Bull langsamer, Verstappen musste den RB18 drei Runden vor Schluss in der Box abstellen. Kurz darauf funkte auch Pérez, dass er an Leistung verliere – und drehte sich ins Aus.
Verdruss bei der Nummer 1: Der Rennstall teilte später mit, man vermute ein Problem mit der Benzinpumpe. »Wir haben viele Probleme gehabt«, sagte Verstappen. »Ich habe gedacht, mit so vielen Problemen wäre ein zweiter Platz gut. Dann ist aber auch kein Benzin mehr in den Motor gekommen«. Letztendlich habe man aber »sehr wichtige Punkte« für die WM verloren.


Foto: GIUSEPPE CACACE / AFP
Der lachende Dritte: Und Hamilton? Der Mercedes hatte besonders mit den Folgen des neuen Aerodynamik-Konzepts zu kämpfen. Der Mercedes war schwer zu kontrollieren, nach dem Wechsel auf den harten Reifen in Runde zwölf rutschte der Vizeweltmeister sogar von der Strecke. Beim Duell an der Spitze konnte Mercedes nur zusehen, ohne den Ausfall der Red Bull wäre das Podest außer Reichweite geblieben. »So schnell ändert sich die Erwartungshaltung. Letztes Jahr wären wir tief betrübt gewesen mit Platz drei und vier«, sagte Mercedes-Teamchef Toto Wolff. »Das war das bestmögliche Resultat für uns«, sagte Hamilton. »Ich hoffe auf Besserung mit unserem Auto, aber das wird nicht schnell gehen.«
That fight up front! 🍿👀 Can’t wait to join the party.
— Mercedes-AMG PETRONAS F1 Team (@MercedesAMGF1) March 20, 2022
We just need to keep putting in the work. 💪
Mehr Punkte in einem Rennen als in zwei Saisons: Der Doppelausfall spülte auch einen weiteren Fahrer nach vorn, der aber auch ohne diesen Umstand zu den Sensationen in Bahrain gehörte. Der für den freigestellten Russen Nikita Masepin zurückgeholte Kevin Magnussen fuhr als Fünfter im Haas auf Anhieb unter die Top Ten und holte für den Rennstall damit schon mehr Punkte als in den vergangenen beiden Saisons zusammen. Teamkollege Mick Schumacher verpasste als Elfter knapp seinen ersten Zähler.
Und wieder klingelt das Telefon: Nico Hülkenberg hatte am Donnerstag erfahren, dass er als Ersatzpilot gebraucht wird. Der Coronafall von Sebastian Vettel hatte ihm ein Blitz-Comeback in der Formel 1 bei Aston Martin eröffnet. Gegen 9 Uhr hatte das Team angerufen, »für meine spontanen Kurzeinsätze also verhältnismäßig früh dieses Mal«, hatte er dem Sportinformationsdienst scherzend gesagt. 2020, im Jahr nach seinem Aus als Stammpilot, war er schon dreimal eingesprungen, als das Team noch Racing Point hieß. Besonders der Einsatz im Oktober am Nürburgring war damals eine knappe Angelegenheit: Gegen elf Uhr vormittags hatte der TV-Experte das RTL-Studio in Köln verlassen, am Nachmittag bestritt er in der Eifel das Qualifying. In Bahrain reichte es am Ende nur für Platz 17. »Es war ein hartes Rennen. Es lief ganz gut, bis ich mich verbremst habe«, sagte Hülkenberg nach dem Rennen. Ob er nächste Woche wieder im Auto sitzen wird? Unklar. Er werde aber auf jeden Fall nach Saudi-Arabien reisen, wird er bei »Motorsport Total« zitiert. »Wir werden es am Donnerstag oder Freitag wissen«.
Mit Material von dpa und sid





