Was ist die Aufgabe des Journalismus in Zeiten von Corona? Laut dem Ringier-CEO Marc Walder geht es darum, Regierungen in ihrer Pandemiepolitik zu unterstützen. Die Aussage offenbart ein befremdliches Verständnis von Journalismus.
In den vergangenen zwei Jahren hat der «Blick» wie eine Aussenstelle des Bundesamts für Gesundheit (BAG) gewirkt. Wer sich kritisch mit der Regierungspolitik auseinandersetzen wollte, konsultierte die Schweizer Boulevardzeitung eher nicht. Wer wissen wollte, welche neuen Massnahmen Gesundheitsminister Alain Berset austüftelt, kam beim «Blick» hingegen durchaus auf seine Kosten. Die kritische – und journalistische – Distanz zur Regierungspolitik schien dem Medium abhandengekommen zu sein. Als die Schweizer im November zum zweiten Mal über das Covid-19-Gesetz abgestimmt hatten, titelte der «Blick»: «Volk erlöst Bundesrat». Darunter: «Das deutliche Resultat ebnet den Weg für Verschärfungen wegen überfüllter Spitäler.» Wer den Weg ebnete, war nicht das Stimmvolk, sondern der «Blick».
Das ideologische Fundament für diese Form der regierungsgefälligen Berichterstattung scheint der CEO von Ringier selbst gelegt zu haben. An einer Veranstaltung der Schweizerischen Management-Gesellschaft äusserte er sich zur Frage, was die Aufgabe der Medien in der Pandemie sei. Marc Walder: «Wir hatten in allen Ländern, wo wir tätig sind – und da wäre ich froh, wenn das in diesem Kreis bleibt –, auf meine Initiative hin gesagt: ‹Wir wollen die Regierung unterstützen durch unsere mediale Berichterstattung, dass wir alle gut durch die Krise kommen.›»
Komplizen der Regierung
Was der CEO eines der grössten Medienunternehmen der Schweiz da zum Ausdruck bringt, ist eine journalistische Bankrotterklärung. Mildernde Umstände gibt es nicht, denn Walder scheint zu wissen, was er tut. Die Bitte um Vertraulichkeit – «da wäre ich froh, wenn das in diesem Kreis bleibt» – deutet darauf hin, dass er sich durchaus bewusst ist, gerade die Werte seines eigenen Geschäfts zu verraten. Erste Aufgabe des Journalismus ist die Suche nach Wahrheit. Wer aber, wie Walder, Regierungen medial unterstützen will, kann diese Aufgabe nicht wahrnehmen. Er macht sich zum Komplizen der Regierung, anstatt sie kritisch zu begleiten.
Walder argumentiert, dass die Ernsthaftigkeit der Pandemie eine andere Art von Journalismus notwendig mache. Die Medien trügen in der Corona-Krise «eine zusätzliche Dimension an Verantwortung, so würde ich das framen», sagt er in dem Video. Die Vorstellung, aus Corona ein Spezialthema zu machen, bei dem die üblichen journalistischen Prinzipien nicht gelten, ist aber ein Irrweg. Und er schadet dem Ansehen des Journalismus sehr. Alle, die glauben, Journalisten würden – gerade in der Pandemie – die Öffentlichkeit hinters Licht führen, dürften in Walders Aussagen eine willkommene Bestätigung sehen.
Publizistische Aktivisten
Natürlich versucht Ringier das Video nun herunterzuspielen: «Die Aussage war verdichtet. Und kann – aus dem Zusammenhang gerissen – falsch interpretiert werden.» Tatsächlich ist die Aussage unmissverständlich. Walder ist mit seiner Vorstellung von Journalismus auch nicht allein. Wie er kämpfen auch andere publizistische Aktivisten für ihre höheren Ziele und das angebliche Wohl der Allgemeinheit. So sprachen sich etwa die Chefredaktoren des «Sterns» unlängst für einen «aktivierenden Journalismus» aus. Das Magazin wolle sich «für das Gelingen unserer Gesellschaft» einsetzen.
Wie Walder wünschen sich wohl die meisten Menschen, «dass wir alle gut durch die Krise kommen». Dieses Ziel kann aber keine Leitlinie für Journalismus sein, wie etwa auch der Kampf gegen die Klimaerwärmung keine ist. Der Journalismus zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er nicht versucht, zu beschreiben, wie die Welt aussehen soll, sondern, wie sie ist. Dazu gehört auch eine Darstellung der Regierungsarbeit, die Dinge klar benennt und keine Rücksicht darauf nimmt, ob sie Politikern dienlich ist oder nicht.




