»Großflächiger Angriff«

Israelische Armee bestätigt Beschuss von Flüchtlingslager Dschabalia

31.10.2023
Lesedauer: 3 Minuten
Flüchtlingslager Dschabalia nach dem Angriff Foto: Fadi Whadi / REUTERS

Der Angriff auf ein großes Flüchtlingslager im Norden Gazas soll laut einem israelischen Armeesprecher einem ranghohen Hamas-Kommandeur gegolten haben. Die palästinensische Gesundheitsbehörde spricht von mindestens 50 Toten.

Die israelische Armee hat mit dem Angriff auf das Flüchtlingslager Dschabalia nach eigenen Angaben einen ranghohen Hamas-Kommandeur getötet. Ibrahim Biari sei unter anderem für Angriffe in Israel am 7. Oktober dieses Jahres mitverantwortlich gewesen, ebenso wie für einen Terrorangriff im Jahr 2004 in der Stadt Ashdod, teilte die Armee auf ihrem Telegram-Kanal mit.

Der »großflächige Angriff« habe zudem »Terroristen und Terror-Infrastruktur des Zentralen Dschabalia-Battalions« der Hamas gegolten. Unterirdische »Terror-Infrastruktur« sei nach dem Angriff zusammengebrochen. Grundlage des Luftangriffs seien Geheimdienstinformationen gewesen.

Im Interview mit dem US-Fernsehsender CNN hatte Armeesprecher Richard Hecht das Vorgehen verteidigt. Von Moderator Wolf Blitzer auf die mutmaßliche hohe Zahl ziviler Opfer im Flüchtlingslager angesprochen, sagte Hecht unter anderem: »Das ist die Tragik des Kriegs, Wolf«. Man habe Zivilisten wiederholt aufgefordert in den Süden des Gazastreifens zu fliehen und tue alles, um zivile Opfer zu minimieren. »Leider verstecken sie sich inmitten der Zivilbevölkerung.«

Hecht sprach zudem von einem sehr komplizierten Kampfgebiet. Das Gespräch litt unter einer schlechten Verbindung.

Dutzende Tote befürchtet

Nach Angaben des von der Hamas geführten palästinensischen Gesundheitsministeriums sollen bei dem israelischen Angriff mindestens 50 Menschen getötet worden sein. 150 weitere Menschen seien verletzt worden. Die Angaben können derzeit kaum unabhängig überprüft werden. Auf Videoaufnahmen von AFP soll nach Angaben der Nachrichtenagentur zu sehen sein, wie mindestens 47 Leichen aus den Trümmern geborgen wurden.

»Es fühlt sich an wie die Apokalypse«

Atef Abu Seif

Dschabalia ist das größte Flüchtlingslager in Gaza. Atef Abu Seif, Kulturminister der Palästinensischen Autonomiebehörde, sprach in einer WhatsApp-Sprachnachricht an eine SPIEGEL-Reporterin von mehr als 50 zerstörten Häusern, er habe neun tiefe Krater in der Erde gesehen. »Es fühlt sich an wie die Apokalypse. Die Häuser sind zertrümmert, zermalmt. In jedem Haus waren Dutzende Menschen, Familien und Angehörige, die von außerhalb hierher geflohen waren, weil ihre Gebiete bombardiert wurden.«

Atef Abu Seif ist seit 2019 Kulturminister der Palästinensischen Autonomiebehörde von Präsident Mahmoud Abbas, Mitglied der Fatah-Partei und ein bekannter Kritiker der Hamas. Am Nachmittag half er nach eigenen Angaben bei der Bergung von Toten und Verletzten.

»Sie haben das Zentrum bombardiert, das Herz des Flüchtlingslagers. Kein Ort in ganz Palästina ist vermutlich so dicht besiedelt wie dieser«, sagte Abu Saif. »Jetzt können wir nicht einmal mehr ausmachen, wo welches Gebäude begann und aufhörte.«

Bei ihrem Großangriff am 7. Oktober hatte die Hamas nach israelischen Angaben etwa 1400 Menschen in Israel getötet. Zudem haben Hamas-Kämpfer mindestens 239 Menschen in den Gazastreifen verschleppt. Einige Entführte hat die Hamas inzwischen freigelassen.

Als Reaktion auf den Hamas-Angriff hat Israel den Norden des Gazastreifen unter Dauerbeschuss genommen, hunderttausende Menschen flohen bisher in den Süden. Mehr als 8500 Palästinenserinnen und Palästinenser sollen nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums seitdem gestorben sein (lesen Sie hier, wie die Opferzahlen in Gaza einzuordnen sind). 

slü/bol/dpa/AFP

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