In der Tesla-Fabrik in Grünheide gibt es einem Bericht zufolge fast täglich Arbeitsunfälle. Im ersten Jahr soll 247 Mal ein Rettungswagen oder Hubschrauber angefordert worden sein. Es kam demnach auch zu mehreren Umweltvorfällen.
In der Fabrik des US-Autobauers Tesla im brandenburgischen Grünheide ereignen sich laut einem Medienbericht auffallend viele Arbeitsunfälle. Der »Stern« meldet das unter Berufung auf bisher unbekannte Dokumente von Behörden und Rettungsdiensten.
Dem Magazin zufolge geht aus einer Aktennotiz des Landesamts für Arbeitsschutz hervor, dass auf dem Werksgelände über einen längeren Zeitraum fast täglich Unfälle passierten. Allein zwischen Juni und November 2022 gab Tesla selbst demnach mindestens 190 meldepflichtige Unfälle an. In Deutschland sind alle Arbeitsunfälle meldepflichtig, nach denen Arbeitnehmer mindestens drei Tage arbeitsunfähig sind.
Laut »Stern« dokumentieren Unterlagen der Rettungsstellen zudem, dass Musks Fabrik im ersten Jahr nach der Eröffnung 247 Mal einen Rettungswagen oder Hubschrauber anforderte. Auf die Mitarbeiterzahl umgerechnet, seien dies – in ähnlichem Zeitraum – dreimal so viele Notfälle wie beispielsweise in Audis Werk in Ingolstadt.
Auch Details zu den Unfällen sind dem Bericht zufolge bekannt: Die Rettungsberichte zeigen demnach unter anderem, dass einem Mitarbeiter aus mehreren Meter Höhe eine 50 Kilogramm schwere Holzkiste auf den Kopf fiel oder ein Mitarbeiter in einen Dosierofen mit glühend heißem Aluminium mit dem Fuß einbrach. Zudem hätten die Retter Verletzungen durch Verbrennungen und Salzsäure sowie amputierte Gliedmaßen aufgelistet.
Der Bezirksleiter der IG Metall für Berlin, Brandenburg und Sachsen, Dirk Schulze, sagte dem »Stern«: »Diese Häufigkeit an Arbeitsunfällen ist nicht normal.« Es handele sich vielmehr um ein Mehrfaches dessen, was in anderen Automobilfirmen üblich sei. »Ich habe die größte Sorge, dass irgendwann jemand zu Tode kommt.«
Tesla selbst äußerte sich dem Bericht zufolge weder zu den Dokumenten noch zu Vorwürfen von Mitarbeitern und Arbeitsrechtlern. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sagte dem Magazin, dass im Werk fast jeden Tag Unfälle passierten, sei ihm »nicht unbekannt«. Er sei aber »nicht der Sprecher von Tesla«.
Offenbar auch 26 Umweltvorfälle
Neben den Arbeitsunfällen berichtet das Magazin zudem von mehreren Umweltvorfällen. Seit der Eröffnung vor eineinhalb Jahren wurden 26 Umwelthavarien gemeldet. Das geht dem Magazin zufolge aus Informationen des Brandenburger Landesamts für Umwelt hervor, die neben dem »Stern« auch der Nachrichtenagentur dpa vorliegen.
Dazu zählen ausgelaufene Stoffe wie Lack und Diesel sowie Brände. Bei den Vorfällen handelt es sich laut Landesumweltamt um Betriebsstörungen, nicht um Störfälle im Sinn der Störfallverordnung. Tesla weist Bedenken zurück.
Der Leiter Ökosysteme am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, Martin Pusch, sprach von einer grundsätzlich hohen Gefährdung mit Blick auf das Trinkwasser. »Es ist ein hohes Risiko der Beeinträchtigung der Trinkwasserversorgung aufgrund der geringen Rückhaltekapazität des Untergrunds«, sagte Pusch der dpa.
Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel (Grüne) räumte auf Anfrage des »Sterns« ein, dass Probleme auf dem Werksgelände aufgetaucht seien, sah aber keine Gefahr. Auf die Frage, ob er ausschließen könne, dass das Grundwasser unter der Fabrik verseucht ist, sagte er laut »Stern«: »Kann ich ausschließen. Die Überwachung funktioniert.«
Tesla räumte ein, dass es auf dem Fabrikgelände während der Bauarbeiten und seit der Inbetriebnahme mehrere Vorfälle gegeben habe. Bei keinem der Vorfälle habe es sich um einen Störfall nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz gehandelt, bei keinem Vorfall sei es zu Umweltschäden gekommen, heißt es bei dem Unternehmen. Wenn nötig, seien Korrekturmaßnahmen umgesetzt worden.
250 Liter Diesel ausgelaufen
Zu den Havarien zählen Austritte von 15.000 Liter Lack, 13 Tonnen Aluminium sowie 50 und 150 Liter Diesel. Nach Informationen des Landesumweltamtes wurden Lack und Aluminium fachgerecht oder ordnungsgemäß entsorgt. Bei Diesel sei der Boden in einem Fall ausgekoffert worden. Der »Stern« berichtete überdies, nach einem Brand versickerten im September 2020 bis zu 300 Liter Löschwasser im Boden; in einer Tankstelle auf dem Gelände liefen 250 Liter Diesel im Mai 2023 aus. Das Landesumweltamt machte dazu keine Angaben.
Die Havarie vom April 2022 in der Lackiererei mit 15.000 Liter Farbmischung war bereits bekannt. Die untere Wasserbehörde des Landkreises Oder-Spree ordnete die Flüssigkeit damals als schwach wassergefährdend ein, sie sei nicht ins Grundwasser gelangt. Der Wasserverband Strausberg-Erkner sprach aber von einem Störfall.

Seit März 2022 gab es zudem acht Brände. In einem Fall wurde laut Landesumweltamt ein Brand auf einem illegalen Abfallplatz im September 2022 durch eine geschredderte Batterie in einer Holztransportbox ausgelöst. Löschwasser sei aufgenommen, der betroffene unbefestigte Bereich ausgekoffert worden. Wenige Tage später gerieten dort Pappe und Holz in Brand. Löschwasser sei versickert, die Bodenproben seien aber unauffällig gewesen.
Tesla stellt seit März 2022 in Grünheide Elektroautos her. Umwelt- und Naturschützer sehen Gefahren, weil ein Teil der Fabrik in einem Wasserschutzgebiet liegt. Tesla hat Bedenken zurückgewiesen. In der Fabrik in Grünheide arbeiten nach jüngsten Angaben des Unternehmens rund 11.000 Mitarbeiter, die hochgerechnet etwa 250.000 Fahrzeuge im Jahr herstellen. Tesla will das Werk ausbauen.
Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Meldung nachträglich um weitere Informationen zu den Umweltvorfällen ergänzt.
cop/jme/dpa



