Manche von ihnen haben Jahrhunderte, Kriege und Krisen überlebt. Doch hohe Kosten und sinkende Erträge setzen den deutschen Privatbanken derzeit schmerzlich zu. Die Folgen könnten weitere Fusionen von Geldhäusern sein – und damit das Ende von traditionsreichen Banken.
Hinter dem schmalen Eingangstor wacht ein Portier, der klappernde Aufzug fährt Besucher in eine andere, sehr spezielle Welt. In dieser sind die Tische schwer, das Licht gedämpft – und von den Ölgemälden blicken mahnend die Ahnen herab.
Der nicht allzu dezente Verweis der Inneneinrichtung auf eine oft bereits seit mehreren Jahrhunderten etablierte Tradition im Geldgeschäft gehört zum Geschäftsmodell deutscher Privatbanken. Doch die solide Fassade hat häufig bereits Risse bekommen: Die wirtschaftliche Lage vieler Häuser ist angespannt, einige haben bereits kapituliert.
In den kommenden Monaten dürften eine anhaltend schwierige Ertragslage und steigende Kosten für weitere Bewegung sorgen. „Jede Bank hat ihre Probleme, jede steht unter Druck“, sagt ein Vorstand eines Instituts. Es sei gut möglich, dass Wettbewerber deshalb näher zusammenrücken, sich gar zusammenschließen könnten.
Traditionell stark sind die Privatbanken im Geschäft mit sehr wohlhabenden Kunden und Unternehmerfamilien, mit denen sie teilweise seit Generationen verbunden sind. Die Zielgruppe ist attraktiv: Nach einer Studie der Beratungsgesellschaft Zeb verfügten in Deutschland rund 80.000 Menschen über ein liquides Vermögen von mehr als 500.000 Euro.
Aus diesen insgesamt 7,2 Billionen Euro errechnete Zeb ein „Ertragspotenzial“ von 16,6 Milliarden Euro. Um das allerdings ist ein reger Wettbewerb entbrannt: Großbanken, regionale Institute, Ableger ausländischer Geldhäuser und digitale Newcomer bewerben sich als optimale Partner für einen bestenfalls generationsübergreifenden Vermögenserhalt.
Tiefe Risse im Image der M.M. Warburg
Als solcher sieht sich auch die Hamburger Traditionsbank M.M. Warburg. Das gewünschte solide Bild konnte diese zuletzt allerdings kaum vermitteln. Das liegt vor allem an ihrer Verstrickung in illegale Aktiendeals zulasten des Steuerzahlers, sogenannte Cum-Ex-Transaktionen.
Die Bilanz des Bankhauses soll deren juristische Aufarbeitung allerdings nicht mehr belasten. Gegen von den Hamburger Finanzbehörden schon 2021 angemeldete Ansprüche in Höhe von knapp Hundert Millionen Euro sieht sich M.M. Warburg gewappnet. Letztlich müsste jenes Unternehmen die Forderungen begleichen, das auch von den Deals profitiert hat – nach Informationen von WELT AM SONNTAG ist das die britische Bank Barclays.
Intern liegt der Fokus deshalb vor allem auf der Renovierung des angejahrten Geschäftsmodells. Die damit verbundenen Restrukturierungskosten bescherten der Bank 2022 einen zweistelligen Millionenverlust. Ab 2024, so das Ziel, soll sie jedoch „nachhaltig profitabel“ laufen. Das wäre schon deshalb erforderlich, um die hohen Investitionen schultern zu können. So will M.M. Warburg unter anderem ein neues Kernbankensystem einführen. Der Einstieg eines neuen Miteigentümers würde das Unterfangen erleichtern. Ob es dazu kommt, scheint offen.
Der große Lokalrivale dürfte dafür jedenfalls kaum zur Verfügung stehen. Das Gründungsjahr 1590 macht Berenberg zur ältesten Bank Deutschlands. Sonderlich verstaubt ging es hier allerdings in den vergangenen Jahren nicht zu.
Unter Führung des Aktienhändlers Hendrik Riehmer etablierte sich die Hamburger Bank als eine der ersten Adressen bei Börsengängen, erzielte phänomenale Ergebnisse und expandierte sogar mit erheblichem finanziellem Aufwand in die USA. Seitdem das Geschäft weitgehend zum Erliegen gekommen ist, hat das Haus seine großen Pläne jedoch deutlich redimensioniert und Stellen im „im niedrigen dreistelligen Bereich“ abgebaut.
Dennoch leistet sich Berenberg weiterhin einige Extravaganzen. So programmiert die Bank viele IT-Anwendungen bis heute selbst – was mit erheblichem Aufwand und hohen Kosten verbunden ist. In der Branche wird deshalb darüber spekuliert, dass es hier künftig zu Kooperationen kommen könnte. Akuten Handlungsbedarf sieht das Institut jedoch offenbar nicht. Zwar laufe es im Investmentbanking weiter bescheiden. Da Berenberg die Kostensituation aber frühzeitig angegangen sei, sei die Lage entspannter als anderswo. Vereinzelt stelle man mittlerweile auch wieder ein.


Einstige Wettbewerber sind dagegen bereits vom Markt verschwunden, über die Jahre hat sich die Zahl der selbstständigen Privatbanken in Deutschland deutlich reduziert. 2009 übernahm die Deutsche Bank die nach Fehlspekulationen schwer angeschlagene Kölner Traditionsadresse Sal. Oppenheim, 2018 stellte diese nach knapp 230 Jahren den Geschäftsbetrieb ein. 2016 verkauften die bisherigen Eigentümer – Unternehmer und Nachfahren der Gründer – die Bank Hauck & Aufhäuser an den chinesischen Mischkonzern Fosun. Vor zwei Jahren übernahm das in Frankfurt am Main ansässige Institut dann das Bankhaus Lampe, das zuvor zur Oetker-Gruppe gehört hatte.
Die mittlerweile auch im Namen kombinierte Einheit rühmte sich vor wenigen Wochen eines „sehr starken“ Ergebnisses. Dennoch könnten auch bei Hauck Aufhäuser Lampe in absehbarer Zeit Veränderungen anstehen.
Zwar soll Fosun nicht beabsichtigen, sich komplett von der Bank zu trennen – da selbst die Ratingagenturen den finanziellen Fortschritten des hoch verschuldeten Konglomerats zuletzt mit anerkennenden Worten Tribut zollten, besteht dazu wohl auch kein Zwang. Allerdings, so heißt es in Finanzkreisen, wäre die Aufnahme eines weiteren Eigentümers wünschenswert – allein schon wegen der immer weiter wachsenden politischen Dissonanzen mit China.
Spekuliert wird auch um die Zukunft des in Hamburg ansässigen Geldhauses Donner & Reuschel, das zur Dortmunder Versicherungsgruppe Signal Iduna gehört. Die Eigentümerin musste die Bank im vergangenen Jahr mit frischem Kapital polstern, nach einer Prüfung der Finanzaufsicht BaFin muss das Institut seine Basis nun nochmals stärken. Frühere Kaufavancen soll Signal Iduna nach Angaben von Insidern jedoch stets abgelehnt haben, und auch aktuell besteht offenbar kein Handlungsbedarf. „Es gibt keine Pläne, Donner & Reuschel zu verkaufen oder die Beteiligungsstrukturen zu verändern“, sagt ein Sprecher. Die Bank „komplettiere das Angebot im Bereich der Finanzdienstleistungen“.
Abseits von Fusionsüberlegungen sieht sich auch das Bankhaus Metzler. Allerdings lief es auch bei dem Frankfurter Institut schon einmal besser. Metzler hat sich stark auf das Fondsgeschäft konzentriert, wo das verwaltete Vermögen im Jahr 2022 allerdings deutlich zurückging. Gleichzeitig stiegen die Kosten. In der Führung der Bank engagiert sich mittlerweile die zwölfte Generation der Eigentümerfamilie. Leicht wird sie es nicht haben.


