US-Medienberichte

Hat Kiew die Nord-Stream-Pipelines gesprengt?

15.06.2023
Lesedauer: 5 Minuten
Ein Teil der Nord-Stream-2-Pipeline im Februar 2020 in Tscheljabinsk Bild: Reuters

Immer wieder gab es in den vergangenen Wochen Hinweise aus den amerikanischen Geheimdiensten zur Sabotage der Ostsee-Pipelines. Sie führen in die Ukraine.

Es ist fast ein Dreivierteljahr her, dass mehrere Explosionen Lecks in die Nord-Stream-Gaspipelines 1 und 2 am Boden der Ostsee rissen. Schnell klar war, dass es sich dabei um eine vorsätzliche Tat handelte, Washington und die NATO sprachen von einem „Sabotageakt“. Wer dahinter steckt, ist bislang aber noch nicht offiziell geklärt. In Deutschland, Schweden und Dänemark laufen jeweils eigene Ermittlungen, die jüngsten Hinweise aus den Vereinigten Staaten führen jedoch in die Ukraine. Wie das „Wall Street Journal“ und ein Recherchezusammenschluss von ARD, SWR und der „Zeit“ in dieser Woche unter Berufung auf anonyme Quellen berichteten, warnte die CIA die ukrainische Regierung im vergangenen Juni explizit davor, die Nord-Stream-Gaspipeline anzugreifen.

Zuvor soll der amerikanische Auslandsgeheimdienst laut der Zeitung vom niederländischen Militärgeheimdienst detaillierte Informationen über den ukrainischen Plan erhalten haben, eine wichtige Verbindung für die Energieversorgung von Russland nach Europa zu zerstören. Sieben Wochen nach der Warnung dann, im August 2022, soll die CIA mehreren NATO-Verbündeten mitgeteilt haben, die Wahrscheinlichkeit für einen Sabotageakt sei gesunken – am 26. September kam es dann jedoch zu den Explosionen. Nun geht man laut dem „Wall Street Journal“ innerhalb der CIA davon aus, dass die Ukraine den ursprünglichen Plan nur angepasst hat: Es sei ein neuer Ausgangspunkt gewählt und ein anderer Militärangehöriger mit der Ausführung des Angriffs beauftragt worden. Ursprünglich sollte die Attacke demnach nach einer NATO-Übung in der Nähe der Pipelines stattfinden, die am 17. Juni endete.

Selenskyj fordert Beweise

Anfang Juni hatte die „Washington Post“ schon berichtet, dass die Biden-Regierung durch einen Verbündeten von Angriffsplänen des ukrainischen Militärs auf Nord Stream gehört habe. Der europäische Geheimdienstbericht – damals noch nicht näher benannt – gehörte dabei offenbar zu den Dokumenten, die ein 21 Jahre alter Nationalgardist im amerikanischen Geheimdienstskandal im Internet hochgeladen hatte. Die Zeitung erhielt eine Kopie des Papiers von einem Onlinefreund des jungen Mannes. Darin war von einem kleinen Team von Tauchern die Rede, das dem Oberkommandierenden der ukrainischen Streitkräfte, Walerij Saluschnyj, unterstellt sein sollte.

Die Ukraine bestreitet weiterhin, mit dem Angriff zu tun gehabt zu haben. In einem Interview mit der „Bild“-Zeitung äußerte Präsident Wolodymyr Selenskyj in der vergangenen Woche, er glaube nicht, dass „unser Militär und unser Geheimdienst“ das getan hätten. Wenn jemand das Gegenteil behaupte, dann verlange er, „dass er uns die Beweise zeigt“. Ein Mitarbeiter der russischen Botschaft in Washington forderte am Mittwoch eine „transparente und objektive“ internationale Untersuchung. Es müsse dabei auch die Rolle Amerikas in der Sache „geklärt“ werden. Einige europäische Länder, darunter Polen, hatten Russland des Angriffs auf die Pipelines verdächtigt. Dabei ist unklar, warum der Kreml ein Interesse an einer Zerstörung der Pipelines haben könnte – die Gasversorgung diente im Ukrainekrieg als Druckmittel gegen Deutschland und Europa. Moskau machte dagegen Großbritannien für die Explosionen verantwortlich.

Vor den Berichten über eine mögliche Beteiligung des ukrainischen Militärs an dem Anschlag auf die Gaspipelines gab es Spekulationen über eine proukrainische Gruppe, die die Explosionen herbeigeführt haben könnte. Das hatte die „New York Times“ im März unter Berufung auf ranghohe amerikanische Beamte berichtet. Damals hieß es, die Sprengsätze seien höchstwahrscheinlich durch erfahrene Taucher platziert worden, die anscheinend nicht für das Militär oder einen Geheimdienst arbeiteten. Es sei jedoch möglich, dass diese vormals eine solche spezielle Ausbildung durchlaufen hätten. Eine offizielle Stellungnahme des Weißen Hauses zu diesen Theorien hat es bislang unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen der Europäer noch nicht gegeben. Nur einen Artikel des amerikanischen Journalisten Seymour Hersh im Februar hatte die Biden-Regierung scharf als „komplett erfunden“ zurückgewiesen. Darin behauptete Hersh, Biden habe die Sabotage der beiden Pipelines angeordnet.

Die heißeste Spur der deutschen Ermittler ist laut Medienberichten eine Segelyacht, die von einer Firma in Polen vermietet worden und schließlich im September 2022 von Rostock aus in See gestochen sein soll. An Bord des mit falschen Dokumenten gecharterten Bootes wurden Fingerabdrücke, DNA und Spuren von Sprengstoff gefunden. In mindestens einem Fall konnte die DNA über eine in Deutschland lebende Frau und ihren Sohn mit einem ukrainischen Soldaten in Verbindung gebracht werden. Laut ARD gilt es in Ermittlerkreisen aber immer noch als möglich, dass mit der Yacht eine falsche Spur gelegt werden sollte.

Hunderte Kilogramm Sprengstoff notwendig

Dem entgegen stehen Berichte, die auf eine russische Urheberschaft hinweisen. So hatte im April das dänische Verteidigungsministerium bestätigt, dass es rund zwei Dutzend Fotos des russischen Spezialschiffs für Unterwasseroperationen SS-750 gibt, die in der Nähe des Tatortes östlich von Bornholm aufgenommen wurden. Das berichtete die dänische Zeitung „Information“ im April. Demnach gibt es insgesamt 112 Fotos von russischen Schiffen, die von einem dänischen Patrouillenboot wenige Tage vor der Sprengung in der Nähe der Tatorte aufgenommen wurden. Laut dem Onlinemedium T-Online, das sich auf Geheimdienstquellen und die Auswertung öffentlich zugänglicher Daten wie Schiffsrouten sowie Satellitenfotos berief, hatten sich dort zusätzlich zwei Hebeschiffe und drei Militärschiffe Russlands befunden, und zwar vom Abend des 21. Septembers 2022 an – und damit fünf Tage vor der Explosion. Das  etwa 100 Meter lange Schiff SS-750 ist demnach mit einem kleinen U-Boot ausgestattet, das unter Wasser Gegenstände bewegen kann. Die Schiffe besitzen laut Sicherheitskreisen somit die notwendige Ausrüstung, um Sprengsätze an den Pipelines zu platzieren.

Die Pipelines explodierten in einer Tiefe von 70 bis knapp 90 Metern unter der Wasseroberfläche, für die Detonationen soll laut offiziellen Angaben Dänemarks und Schwedens „vermutlich eine Sprengladung von mehreren Hundert Kilogramm“ notwendig gewesen sein. Nach Angaben der Nord Stream AG ist eine Röhre des Doppelstrangs Nord Stream 1 auf einer Länge von rund 250 Metern zerstört. Es wird bezweifelt, dass eine derartige Aktion von einer Segelyacht mit einer Länge von nur 15 Metern auf dem offenen Meer bewerkstelligt werden kann. In der Hinsicht wirkt demnach eine Urheberschaft Russlands plausibler.

Allerdings ist weiterhin unklar, welches Interesse Russland an einer Sabotage der eigenen Pipelines haben könnte, dienten diese dem Regime doch als Druckmittel auf Europa und zuvorderst Deutschland. Wann die Ergebnisse der Untersuchungen aus Dänemark, Schweden und Deutschland vorliegen, ist bislang unklar.

Quelle: F.A.Z.

Das könnte Sie auch interessieren

Für Energiekonzern
01.12.2024
EU-Plan gescheitert
29.11.2024
ARD-Show "Die 100"
26.11.2024
Abstimmung über neue EU-Kommission
27.11.2024

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

8 − 1 =

Weitere Artikel aus der gleichen Rubrik

Für Energiekonzern
01.12.2024
EU-Plan gescheitert
29.11.2024

Neueste Kommentare

Trends

Alle Kategorien

Kategorien