Interview

Der Chinese He Jiankui schuf als erster Forscher drei genmanipulierte Babys. Dann verschwand er für vier Jahre. Nun äussert er sich erstmals dazu: «Natürlich habe ich keine Albträume»

21.01.2023
Lesedauer: 14 Minuten
He Jiankui beim Interview in einem Einkaufszentrum in Shenzhen. Dahinter ist der Sitz der Southern University of Science and Technology, die He nach Bekanntwerden seines Menschenexperiments entliess. Foto: Matthias Sander

2018 schockierte He die Welt mit seinem Menschenexperiment. Chinas Parteistaat feierte ihn zunächst, dann wurde He zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Jetzt ist der Wissenschafter wieder frei – und gibt sein erstes persönliches Interview.

«Wir sind im ‹Starbucks›», schreibt He Jiankui. Es ist ein Mittwoch in Shenzhen, der chinesischen Hightech-Metropole direkt neben Hongkong. Wer ist «wir»? He erwähnte bei der Vereinbarung dieses Interviews nicht, dass er in Begleitung kommen würde. Vielleicht ein PR-Berater? Seit ein paar Monaten versucht der wohl kontroverseste Wissenschafter der Welt, seinen ruinierten Ruf zu verbessern.

Doch ist sein Ruf in China überhaupt ruiniert? Kurz vor dem Interview veröffentlicht He auf Twitter ein Foto, das eine Neujahrsfeier der Chinesischen Gesellschaft für Biotechnologie zeigt. In sozialen Netzwerken postet er seine Handynummer und E-Mail-Adressen. Und er hat eine Petition lanciert, unterschrieben von angeblich mehr als 600 Angehörigen von Patienten mit der Muskelkrankheit DMD, damit die Tech-Milliardäre Jack Ma und Pony Ma Geld für die Entwicklung einer Gentherapie spenden.

Im Ausland hingegen scheint He Jiankuis Ruf so beschädigt, dass eine Ehrenrettung schwer vorstellbar ist. Gerade verglich ihn ein führender amerikanischer Genforscher mit den Nazi-Ärzten, die in Konzentrationslagern mit Menschen experimentierten.

He hat auch mit Menschen experimentiert. Er und sein Team wollten die DNA von Embryos mit der Genschere Crispr/Cas9 so manipulieren, dass sie gegen HIV immun sein würden. He liess die manipulierten Embryos in die Gebärmutter von Frauen einpflanzen. Im Oktober 2018 wurden Zwillinge geboren, 2019 ein weiteres Baby.

Als die amerikanische Fachzeitschrift «MIT Technology Review» im November 2018 die Geburt der Zwillinge bekanntmachte, war das eine Sensation. Noch nie hatte es ein solches Experiment gegeben, nach allem, was man weiss. Die wichtigste Zeitung der Kommunistischen Partei, «People’s Daily», schrieb von einem «historischen Durchbruch». Das Regime will China dank Wissenschaft und Technologie zu einem «starken Land» machen.

He Jiankui selbst präsentierte kurz nach den ersten Schlagzeilen sein Experiment der Weltöffentlichkeit auf Youtube. Und wenige Tage später an der wichtigsten wissenschaftlichen Konferenz zum Thema, dem Second International Summit on Human Genome Editing in Hongkong. Seine Kollegen verurteilten ihn fast ausnahmslos.

Nach der Konferenz wurde He von den Behörden in Shenzhen festgehalten, auf dem Campus der Southern University of Science and Technology. Vor seiner Tür in einem Wohnheim standen junge Männer der Staatssicherheit in Zivil. Die Universität distanzierte sich von He öffentlich und entliess ihn. Er verschwand spurlos.

Ein Jahr später, im Dezember 2019, veröffentlichte die «MIT Technology Review» Auszüge aus einer unveröffentlichten Studie von He und weiteren Autoren zu ihrem Menschenexperiment. Die Studie dokumentierte grundlegende ethische Probleme. Kurz darauf meldete Chinas staatliche Nachrichtenagentur Xinhua, He und zwei Beteiligte seien von einem Gericht in Shenzhen in nichtöffentlicher Verhandlung zu Gefängnisstrafen wegen «illegaler medizinischer Praktiken» verurteilt worden. Im April 2022 wurde Hes Freilassung gemeldet.

Hes Experiment dauert an – falls die drei Kinder weiterhin leben. Über sie ist praktisch nichts bekannt. Das jüngste Kind müsste nun dreieinhalb Jahre alt sein, die Zwillinge vier Jahre. So jung wie Hes jüngere Tochter.

Im ‹Starbucks›, neben He Jiankuis ehemaliger Universität, wartet der Enddreissiger mit seiner älteren Tochter Audrey, sechs Jahre. He hat auch ein Ehepaar mitgebracht, das sich als Eltern eines dreijährigen Sohnes vorstellt, der an der Muskelkrankheit DMD leidet. «Mein Sohn wird wahrscheinlich nicht älter als zwanzig werden», wird die Mutter später sagen. Sie bezeichnet sich als «Fan» von He Jiankui – und hofft, dass He mit seiner neuen, in Peking gegründeten Firma ihren Sohn retten wird.

In den folgenden gut zwei Stunden wird He sich erstmals seit seinem Verschwinden Ende 2018 ausführlich äussern. Manche Fragen beantwortet er nur knapp, viele gar nicht. Trotzdem wird He Jiankui am Ende vielleicht mehr Aufschluss über seine Person geben, als ihm bewusst ist.

Herr He, was beschäftigt Sie dieser Tage?

Es ist chinesisches Neujahrsfest. Ich bin aus Peking zurückgekommen, um mit meiner Familie zu feiern. Meine Frau und meine beiden Töchter leben hier. Es ist Familienzeit, ich geniesse die Ferien, spiele Golf und treffe mich mit Freunden. Ich lese auch ein paar Studien und Bücher.

Was lesen Sie gerade?

Diesen deutschen Philosophen mag ich sehr, Schopenhauer.

Warum er?

Er hat offensichtlich verstanden, worum es im Leben geht. Die meisten Menschen streben nach beruflichem Erfolg, nach Vermögen oder dem Respekt ihrer Kollegen. Aber dieser Philosoph sagt, wie man wirklich ein sinnvolleres Leben führt. Dazu muss man gar nicht so viel haben, nicht so viel Geld besitzen.

Identifizieren Sie sich damit?

Ich weiss nicht. Aber mir gefällt das sehr. Auch Schopenhauers Lebensgeschichte gefällt mir sehr gut. Er hat sein Hauptwerk sehr jung begonnen, er war um die dreissig Jahre. Schopenhauer war fest davon überzeugt, dass es eines Tages wirklich wichtig für die Gesellschaft sein würde, obwohl seine Mutter dachte, dass es nur Mist sei. (Lacht.) Die Zeit gab ihm recht, nach mehr als dreissig Jahren.

Glauben Sie, dass Ihnen dasselbe passieren könnte mit Ihrem Menschenexperiment?

Ich bin in Gedanken schon weiter.

Von wo bis wo genau sind Sie in Ihren Gedanken weiter gegangen?

Von meiner Vergangenheit bis zu meiner aktuellen Arbeit zur Heilung seltener Krankheiten für Kinder.

He Jiankui wurde 1984 in der südchinesischen Provinz Hunan geboren. Seine Eltern seien Bauern gewesen. He studierte in China und ging wie viele seiner Kommilitonen für ein Doktorat in die USA. 2012 kehrte er nach China zurück, im Rahmen des Programms «Tausend Talente», mit dem die Regierung Wissenschaft und Forschung voranbringen will. He bekam ein Labor an der gerade neu gegründeten Shenzhener Universität Sustech. Die Stadtregierung stellte ihm im Rahmen einer lokalen Talent-Initiative eine subventionierte Wohnung, in der Hes Familie bis heute wohnt.

Wie würden Sie sich selbst definieren?

Das ist eine grosse Frage. (Lacht, überlegt.) Ich bin Ehemann, ich habe eine Frau, ich bin Vater von zwei kleinen Töchtern. Und ich bin Sohn eines Vaters und einer Mutter. Meine Mutter hat heute Alzheimer. Es macht mich sehr traurig, dass sie mich nicht mehr erkennt.

Was war der erste Erfolg in Ihrem Leben?

(Schweigt lange.) Nächste Frage.

Wirklich?

Weil mir nichts einfällt.

Vielleicht Ihre erste wissenschaftliche Arbeit, die veröffentlicht wurde?

Ich weiss nicht.

Was motiviert Sie?

Was motiviert mich? (Schweigt lange.) Ich denke, es ist wahrscheinlich etwas, was alle motiviert. Ich bin ein normaler Mensch.

Eine Journalistin der Nachrichtenagentur AP, die He kurz vor Bekanntwerden der Menschenexperimente mehrfach interviewt hatte, schrieb 2018, He wolle in die Geschichte eingehen. Eine Untersuchung der chinesischen Provinz Guangdong, in der He sein Experiment gemacht hatte, urteilte 2019, He habe nach «persönlichem Ruhm und Gewinn» gestrebt.

Nun präsentiert sich der Mann, der Gott spielte, als ein durchschnittlicher Typ von nebenan. He ist im Interview extrem vorsichtig, als wollte er bloss nichts Falsches sagen. Zugleich strahlt er eine merkwürdige Unerschütterlichkeit aus.

Sie waren vier Jahre aus der Öffentlichkeit verschwunden, sassen angeblich drei Jahre im Gefängnis. Woher kommt Ihr Selbstbewusstsein?

Ich bin nur ein normaler Wissenschafter, der normale Forschung betreibt. Daher kommt mein Selbstbewusstsein.

Aha.

In China haben wir ein Sprichwort: Shen zheng bupa yingzi xie.

Übersetzt heisst das in etwa: Wenn du aufrecht stehst, musst du keine Angst haben, dass dein Schatten abweicht. Es bedeutet: Jeder wirft einen Schatten, aber solange man aufrichtig handelt, muss man sich vor nichts fürchten.

Wenn man also direkt vor Ihnen steht, wird man Ihren Schatten nicht sehen?

(Lacht.) Die beste Strategie ist es, den Schatten zu ignorieren. Tu das Richtige und ignoriere den Rest. (Schweigt.) Ignorieren bedeutet nicht, zu vergessen, was ich in der Vergangenheit getan habe. Ich habe einige Gedanken zu Dingen in der Vergangenheit.

Was sind das für Gedanken?

Okay! In der Vergangenheit . . . Ich sage das besser auf Chinesisch . . . Wo zuo de tai kuaile. [Ich habe zu schnell gehandelt.] Ja. Das war’s.

Zu schnell, überhastet, unausgereift – so beschreiben Kritiker Hes Menschenexperiment praktisch von Anfang bis Ende. Die Genschere Crispr/Cas9 sei bis heute nicht sicher genug für die Anwendung beim Menschen, geschweige denn in Embryos, sagen sie. Das Experiment führten He und seine Mitstreiter derart durch, dass der Genwissenschafter Fyodor Urnov von der Berkeley-Universität die Frage aufwarf, ob sie in Eile gewesen seien. Zudem wurde das Experiment erst nach der Geburt der Zwillinge offiziell registriert. Auf nichts davon will He nun eingehen.

Und Ihre anderen Gedanken zur Vergangenheit?

Ich brauche mehr Zeit zum Nachdenken.

Klar. So fünf, zehn Minuten?

Nein, ein paar Monate.

Was wird in ein paar Monaten anders sein?

Ich werde mehr Bücher gelesen haben, mit mehr Menschen geredet haben.

Sie hatten vier Jahre, um sich Gedanken zu machen. Ist das alles, was Sie sich überlegt haben: Sie haben zu schnell gehandelt?

(Schweigt.) Ich denke darüber nach, einen Artikel über meine Überlegungen zu schreiben.

Gegenüber dem amerikanischen Tech-Magazin «Wired» kündigte He kürzlich per E-Mail an, dass er sich zu ethischen Fragen im März auf Einladung an der Oxford University äussern werde. Nun will He das nicht kommentieren. Gibt es Widerstand aus der Wissenschaftsgemeinschaft? Ebenfalls im März findet, nicht weit von Oxford, in London der dritte International Summit on Human Genome Editing statt – genau jenes Gipfeltreffen, an dem Hes Auftritt 2018 in Hongkong zum Skandal wurde.

Wie geht es den drei Babys, die heute Kinder sein müssen?

Darauf habe ich keine Antwort. (Lächelt.) Ich habe keinen Kommentar. Was ich sagen werde, ist, dass . . . Wie soll ich sagen? (Schweigt.) Ich muss darüber nachdenken!

He schweigt. Er sucht den Augenkontakt, bricht ihn ab, schaut zur Seite, schaut nach oben. Die ganze Zeit überzieht sein Gesicht ein Lächeln, wie es Chinesen oft in unangenehmen Situationen tragen. Nach gut einer halben Minute bricht er sein Schweigen.

Okay. Alles, was ich sagen kann, ist dies: Die Eltern der Zwillinge wünschen sich ein normales, friedliches und ungestörtes Leben. Und ich respektiere diesen Wunsch.

Wissen Sie, wie es den drei Kindern geht?

Ich beantworte diese Frage heute nicht.

Haben Sie ein ruhiges Gewissen?

(Schweigt lange.) Ich weiss nicht.

Haben Sie Albträume?

(Lacht.) Natürlich habe ich keine Albträume.

Warum nicht?

(Lacht, schweigt.)

Sie müssen also entweder wissen, dass die Kinder gesund sind. Oder es ist Ihnen egal.

Ah, Sie stellen eine Falle! (Lacht.)

Im Dezember wurde der Dokumentarfilm «Make People Better» («Menschen besser machen») im Internet veröffentlicht. Der Film beruht unter anderem auf aufgezeichneten Telefonaten, die He aus seinem Hausarrest Ende 2018 mit dem amerikanischen Wissenschaftsethiker Ben Hurlbut führte. In einem der Telefonate fragt He sich, ob «sie» – gemeint sind offenbar die chinesischen Behörden – die genmanipulierten Zwillinge nach Bekanntwerden des Experiments «töten oder sterilisieren» werden.

Können Sie versichern, dass die drei Kinder weder getötet noch sterilisiert wurden?

Lassen Sie uns über etwas anderes reden.

Keines der Kinder wurde getötet, keines sterilisiert?

Lassen Sie uns über etwas anderes reden. Oh, ich will etwas sagen.

He erwähnt einen öffentlichen Appell zweier chinesischer Bioethiker. Sie fordern, dass die drei Kinder von der Regierung besonders geschützt werden, um ihre Sicherheit und ihre Gesundheit zu gewährleisten.

Ich bin absolut dagegen. Weil das Wohl der Familien an erster Stelle stehen sollte und die Wissenschaft an zweiter Stelle. Diese Überwachung wäre zu viel.

Das Wohl der Familien an erster Stelle, die Wissenschaft an zweiter. Haben Sie selbst das immer so gemacht?

Natürlich.

Zum genau umgekehrten Schluss kam 2019 der Genwissenschafter Urnov. «Das Forscherteam hat seine Interessen höher gewichtet als die der Paare, welche die Embryos gespendet haben, und höher als die Interessen der späteren Kinder.» So kommentierte Urnov in der «MIT Technology Review» die Tatsache, dass He und seine Mitstreiter laut deren eigener, unveröffentlichter Studie nicht überprüft hatten, ob sie die manipulierten Zellen wirklich gegen HIV immun gemacht hatten. Hes Studie offenbarte reihenweise solche Mängel.

Rita Vassena, damals wissenschaftliche Direktorin einer Fruchtbarkeitsklinik, urteilte über Hes Studie insgesamt: «Das liest sich eher wie ein Experiment auf der Suche nach einem Zweck; wie ein Versuch, einen vertretbaren Grund zu finden, um die Crispr/Cas9-Technologie bei menschlichen Embryonen einzusetzen, koste es, was es wolle.»

Sie planten, die Babys bis zu ihrem 18. Lebensjahr zu begleiten.

Wir wollten für die Kinder neben der öffentlichen Krankenversicherung zusätzlich eine private Krankenversicherung abschliessen. Aber weil die Geburten bekanntwurden, wollte kein Krankenversicherer das tun, auch heute nicht. Nun denken wir über einen alternativen Plan nach: eine Stiftung, die Geld sammelt und alle Gesundheitskosten der drei Kinder übernimmt. Das habe ich vor.

Sie haben also immer noch mit den Kindern und ihren Familien zu tun?

Ja.

Stehen Sie mit ihnen in Kontakt?

Das kann ich nicht beantworten. Aber wir sind verpflichtet, die Kinder krankenversichern zu lassen.

He sagt auf einmal mehrfach «wir». Der erwähnte Dokumentarfilm über ihn und sein Experiment stellt He im Gegensatz zu vielen Medienberichten nicht als einsamen Frankenstein dar, sondern als ambitionierten jungen Wissenschafter mit Mitwissern, Förderern und Unterstützern, auch in den USA. Manche von ihnen schienen froh, dass jemand ein solches in den USA verbotenes Experiment in China wagte, wo die Genmanipulation menschlicher Stammzellen erst später explizit verboten wurde.

Wer hat Ihnen damals das Okay für Ihr Menschenexperiment gegeben?

Lassen Sie uns über etwas anderes reden.

Im Film sagt Ihr damaliger PR-Berater, Sie hätten sich von der chinesischen Regierung beschützt gefühlt.

Lassen Sie uns über etwas anderes reden.

Laut dem Film fühlten Sie sich auch von einem Forscher in Berkeley ermutigt, Ihr Experiment weiterzuführen.

Lassen Sie uns über etwas anderes reden.

Im Film schildern Sie eine kurze Begegnung mit dem amerikanischen Nobelpreisträger James Watson, der die Struktur von DNA-Molekülen mit entdeckte. Sie hätten Watson gefragt, ob man mit Genmanipulationen Menschen gesünder machen solle.

Watson antwortete einfach: «Menschen besser machen.» Er ermutigte mich. «Menschen besser machen» – nicht «Bessere Menschen machen».

Es bleibt unklar, ob He gegen frühere Mitstreiter Groll hegt. Die Macher des erwähnten Dokumentarfilms – an dem He bis auf die aufgezeichneten Telefonate nach eigenen Angaben nicht beteiligt war – sind expliziter. Gegen Ende ihres Films zeigen sie Gruppenfotos von amerikanischen Wissenschaftern, denen sie implizit vorwerfen, He fallengelassen zu haben.

Wie war das Essen im Gefängnis?

(He lacht laut.)

Wo waren Sie im Gefängnis?

Hm.

Haben Sie wirklich drei Jahre im Gefängnis verbracht?

Lassen Sie uns über etwas anderes reden.

Was haben Sie in den vier Jahren seit Dezember 2018 gemacht, als Sie verschwanden?

Okay!

Haben Sie Wissenschaft betrieben, geforscht?

Lassen Sie uns über etwas anderes reden.

Worüber wollen Sie denn reden?

Gut! (He lacht, ist erleichtert, dann schweigt er lange.)

Warum geben Sie dieses Interview?

(Schweigt.) Ich möchte, dass mehr Menschen auf mein DMD-Projekt aufmerksam werden, vielleicht auch mehr Chinesen und die Regierung. Damit wir also mehr Geld sammeln und mehr Kooperationen eingehen können, um ein Medikament für diese Patienten möglich zu machen. Denn jeden Tag sterben Patienten an dieser Krankheit.

He hat vergangenes Jahr in Peking eine neue Firma gegründet, das kleine Jiankui He Lab. Ziel sei es, Gentherapien gegen seltene Krankheiten wie DMD zu entwickeln, die sich wegen der begrenzten Patientenzahl für Pharmaunternehmen kaum lohnen. He will die Entwicklung solcher Medikamente von bisher rund zehn Jahren auf zwei bis drei Jahre beschleunigen, und er will die hohen Endpreise dank einer spendenfinanzierten Stiftung viel günstiger machen.

Derzeit kämpft er auch darum, seine Aktien der Shenzhener Firma Direct Genomics wiederzubekommen. Deren Status sei derzeit unklar, sagt er vage; es gibt einen Rechtsstreit. He war zu Spitzenzeiten an mindestens neun Firmen im Gesamtwert von Hunderten Millionen Schweizerfranken beteiligt, oft als Mehrheitsaktionär. Er erwog unter anderem ein medizintouristisches Projekt für Designerbabys auf der südchinesischen Insel Hainan.

Von kommerziellen Projekten redet He nun nicht mehr, stattdessen von Stiftungen, Spenden und Wohltätigkeit. Falls er die Aktien an Direct Genomics wiederbekomme, wolle er die Firma an die Börse bringen und sein Vermögen in die Entwicklung von Medikamenten gegen seltene Krankheiten stecken.

Zum Schluss, was haben Sie bei alldem über die menschliche Natur gelernt?

Oh, wie soll ich sagen? Manchmal ist «konservativ» gut.

Wie meinen Sie das?

95 Prozent der neuen Dinge sind nicht so gut wie die alten oder traditionelleren Dinge. Es sind vielleicht nur 5 Prozent der Dinge, die Altes besser ersetzen können. «Konservativ» ist also allgemein kein schlechtes Wort. Und wahrscheinlich ist es eine gute Sache für eine Gesellschaft und für die Menschen.

Das haben Sie bei alldem gelernt?

Ich habe das aus einem Buch eines britischen Autors zur Weltgeschichte erfahren.

Werden Sie jemals wieder mit menschlichen Embryos experimentieren?

Im ‹Starbucks› war es zu laut, deshalb findet das Interview letztlich nebenan statt, im Eisladen Häagen-Dazs. Das kommt He nun in den Sinn.

Lassen Sie uns über etwas anderes reden. Wie ist Häagen-Dazs, ist es okay? Meine Tochter liebt Eis.

Manche Dinge wird die Menschheit wohl nie über He, sein Menschenexperiment und die ersten genmanipulierten Kinder erfahren.

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