Schwere Vorwürfe gegen Kieler NDR-Politik-Chefin

Der nächste ARD-Skandal

02.09.2022
Lesedauer: 3 Minuten
Im Zentrum der Kritik: Die Politik-Chefin des NDR in Kiel, Julia Stein, soll laut „Stern“ kritische Beiträge entschärft haben Foto: imago/Reiner Zensen

Ganz großes Stühlerücken beim zweitgrößten ARD-Sender, dem Norddeutschen Rundfunk (NDR)!

Nach massiven Vorwürfen aus den Reihen der Mitarbeiter des Landesfunkhauses Schleswig-Holstein wurden Chefredakteur Norbert Lorentzen (58) und seine Politik-Chefin Julia Stein von allen Ämtern entbunden – angeblich „auf eigenen Wunsch“. Funkhausdirektor Volker Thormälen (61) verabschiedete sich für einen Monat in unbezahlten Urlaub.

Dutzende NDR-Mitarbeiter hatten schwerste Anwürfe gegen ihre eigene Redaktionsleitung erhoben. Es geht um Kumpanei mit der Landespolitik, Parteilichkeit und politische Einflussnahme.

Selbstkritik: Das NDR-Team des „Schleswig-Holstein-Magazins“ startete seine Sendung am Mittwoch mit dem Bekenntnis zur Aufklärung aller Vorwürfe
Selbstkritik: Das NDR-Team des „Schleswig-Holstein-Magazins“ startete seine Sendung am Mittwoch mit dem Bekenntnis zur Aufklärung aller Vorwürfe
Foto: NDR

► Die Chefin der Politik-Journalisten, Julia Stein, soll Recherchen des „Stern“ zufolge 2020 in Berichterstattung ihrer Kollegen eingegriffen und versucht haben, das Rote Kreuz (DRK) aus dem Bericht zu tilgen. In dem Bericht ging es um Missbrauchs-Skandale in Kinderheimen, das DRK wurde belastet.

Zudem soll Stein Reporter angewiesen haben, dem DRK ihre Recherchen zu offenbaren. Brisant dabei: Die DRK-Landesvorsitzende war Ex-Staatssekretärin Anette Langner (61, SPD) – laut „Stern“ die Lebensgefährtin von Jutta Schümann. Und Schümann war damals Vorsitzende des NDR-Landesrundfunkrates in Kiel! Diesem Aufsichtsgremium gehören die Mitglieder des NDR-Rundfunkrats an, die aus Schleswig-Holstein stammen.

Netzwerkerin: Julia Stein wirbt 2019 mit Politikern und Kollegen für „kritische Medien“ und saubere Recherche
Netzwerkerin: Julia Stein wirbt 2019 mit Politikern und Kollegen für „kritische Medien“ und saubere Recherche
Foto: dpa

Nicht minder brisant: Die jetzt kaltgestellte Politik-Chefin Julia Stein war bis 2021 sechs Jahre lang Chefin des „Netzwerks Recherche“. Die „Journalistenvereinigung“ wettert gegen Kumpanei zwischen Presse und Politik; allerdings geriet der Verein bereits 2011 selbst ins Visier der Staatsanwaltschaft wegen „fehlerhaft verbuchter“ Fördergelder (75 000 Euro). Bis vor kurzem gehörte Stein dem Vorstand des Vereins an, inzwischen heißt es auf der Website: „Mitgliedschaft im Vorstand ruht“.

► Im Verdacht steht auch Stefan Böhnke, Politik-Vize des NDR in Kiel, weil er öffentlich seinen Ehemann Sven Partheil-Böhnke (FDP) im Wahlkampf um das Bürgermeisteramt in Timmendorfer Strand unterstützte.

NDR-Führungskräfte hatten die Zustände in Kiel als „politischen Filter“ zugunsten der Landesregierung kritisiert, bei der u.a. kritische Fragen an Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) und andere Kabinettsmitglieder unterbunden worden seien, sprachen per Brandbrief von einem „Klima der Angst“.

Der NDR gelobte gestern erneut rückhaltlose Aufklärung.

Regierungschef Günther ließ auf BILD-Anfrage erklären: „Der Ministerpräsident wird die Vorgänge nicht kommentieren. Am Zug ist jetzt der Rundfunkrat des NDR.“

Reform-Druck auf die ARD wächst

Der Chef der sachsen-anhaltischen Staatskanzlei, Rainer Robra (71, CDU), verlangt Konsequenzen nach der Skandalserie bei der ARD!

Der Medienpolitiker gegenüber der „Zeit“: „Die Intendanten sind generell zu machtvoll.“ Stattdessen brauche es „einen ans Aktienrecht angelehnten Vorstand, in dem die Macht verteilt ist“.

Ein Grund: „Das System setzt an seiner Spitze charakterlich sehr starke Persönlichkeiten voraus, weil es Versuchungen schafft, die man nicht schaffen sollte.“ Man dürfe nicht so tun, dass das, was unter Ex-RBB-Intendantin Patricia Schlesinger passiert ist, anderswo ähnlich gar nicht vorkommen könne.

Schlussfolgerung: „Wenn es selbst jetzt nicht gelingt, die ARD zu reformieren, geht die Akzeptanz gegen null.“

Aus Robras Sicht braucht es in den Verwaltungsräten der Sender mehr externe Profis. Er sprach sich dafür aus, die Aufsicht über die Rundfunkanstalten zu professionalisieren. In vielen Anstalten handele es sich derzeit eher um ein „Feierabend-Gremium“.

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