Arnold Schwarzenegger

Superbody, Nussknacker, Selbsterschaffer

30.07.2022
Lesedauer: 8 Minuten
Früher konnte man so noch nach Cannes gehen: Arnold Schwarzenegger im Jahr 1977 an Rand und Strand des Filmfestivals. © Keystone/​Getty Images

Bis in die letzte Bizepsader verkörpert Arnold Schwarzenegger den US-amerikanischen Traum. Zum 75. Geburtstag muss man feststellen: Die Mannmaschine hat alles erreicht.

Arnold Schwarzenegger ist eine Legende. Das sagt sich so leicht und es wird von mehr Personen behauptet, als dem Begriff guttut. Aber eine solche Einheit von persönlichem Lebenstraum, Leinwandpersona und öffentlicher Gestalt, die muss man erst einmal hinkriegen.

Da ist zum einen der arme Steirer Bub, der in der Nachkriegszeit in einer Familie aufwuchs, in der die Mutter bei den Bauern um Nahrungsmittel betteln und der Vater sein bisschen Hab und Gut verkaufen musste, um zu überleben. Für Zuneigung war nicht viel Platz, für Gewalt schon eher. Der Junge war von einem einzigen Gedanken besessen: raus aus dieser dumpfen Enge. Und es gab für einen wie ihn nur einen Sehnsuchtsort: Amerika.

Wie kommt man da hin? Das Geld für eine Reise liegt jenseits jeder Vorstellungskraft. Mehr durch Zufall gerät Schwarzenegger mit der Bodybuilderszene in Kontakt und eine Idee wird geboren. Ein Mr. Universum kommt überall hin, wo Glamour und Show gepflegt werden. Man arbeitet an einem Körper, der für die einen Maß und Ziel ist, für die anderen eine etwas bizarre Vorstellung von Ästhetik. Erfolgreiche Bodybuilder lösen unter ihren Fans hysterische Zustimmung aus und werden von anderen gern verspottet. Weil sie vielleicht das, was sie in ihren Muskeln haben, im Hirn oder in der Hose vermissen lassen.

Da aber Bodybuilding für Schwarzenegger kein Lebensziel ist, sondern immer nur Mittel zum Zweck bleibt, entwickelt er eine höchsteigene Performance. Bei den entsprechenden Wettkämpfen ist er es, der, statt ganz und gar Körper zu werden, mit dem Publikum und den Schiedsgerichten schon schauspielerisch kokettiert. Ein Augenzwinkern hier, eine Bewegung außerhalb der Posen dort. Er nutzt jede Gelegenheit, auch jenseits seiner Szene bekannt zu werden, und ist in der Wahl seiner Mittel nicht zimperlich. In den Medien wird er zum mitteleuropäischen Gesicht des Bodybuildings. Er gibt sich keinen englischen Künstlernamen. Weise Entscheidung. Denn damit wird er der Bodybuilder, der nicht nur ein Körperbild ist, sondern auch eine Geschichte hat.

So kommt Arnold nach Amerika. Nicht als einer, der unter vielen Migranten im Schmelztiegel USA sein Glück macht. Sondern als genau der, der als Einwanderer zeigt, dass es hier jeder schaffen kann, der hart arbeitet, sich aufs Business versteht, seine Chancen nutzt und an sich glaubt. Schwarzenegger behält seinen sachten Exotenbonus und seinen wundersam klingenden Namen, um zum Bild des American Dream zu werden. Ein bisschen sieht er aus wie ein Mannmaschine gewordener Riesennussknacker. Aber sein Lächeln ist, wie man so sagt: gewinnend.

Schwarzenegger wird zu seiner eigenen Marke, verkauft Trainingsprogramme, Aufbaupräparate und Sportgeräte. In Comicbuchanzeigen verspricht er den unsportlichen Jungen, mit seinen Artikeln im Nu einen Superkörper zu entwickeln und den Mädchen am Strand zu imponieren. In seinen ersten Filmrollen spielt er sich selbst. Bob Rafelson zeigt 1976 in Stay Hungry, wie Schwarzenegger alias Joe Santo als Bodybuilder in die Mühlen von Grundstückspekulationen und Betrug gerät und als österreichischer Mr. Universum zum Retter von Leben und Ehre eines typischen Boomer-Amerikaners (Jeff Bridges) wird. Schwarzenegger ist der Kerl, der sich durch seine Reise nach Amerika selbst erlösen will. In Stay Hungry trifft er auf eine Gesellschaft im Zerfall, die auf einen Erlöser wie ihn nur warten kann. So kommt Amerika zu Arnold.

Was Schwarzenegger nun noch braucht, sind ikonische Rollen, die ihn vom begnadeten Selbstdarsteller zum richtigen Filmstar machen. Sie müssen seine Körperlichkeit aufnehmen und in einen mehr oder weniger sinnvollen narrativen Zusammenhang bringen. Die erste dieser Rollen ist Conan der Barbar, entstanden nach der macho-fantastischen pulp fiction von Robert E. Howard, der in seiner hyborischen Fantasywelt die Rachefantasien einer irgendwie unterdrückten Männlichkeit und Trotzreaktionen auf eine Wirtschaftskrise auslebt. Regie führt der selbst ernannte „Zen-Faschist“ John Milius und so sieht das Ergebnis auch aus: die Geburt von Arnold Schwarzenegger als rechtem Schlagetot. Natürlich ist darin auch ein Echo auf die Muskelprotz-Filme der Sechzigerjahre zu erkennen, in denen vor allem in den römischen Cinecittà-Studios ehemalige Bodybuilderstars als Maciste, Herkules oder Ursus papierene Marmorsäulen bewegen und Plastikketten zerreißen, um ihre Muskeln zu präsentieren. Aber Conan ist doch ein bisschen anders, ernst gemeinter, blutiger, grimmiger.

Ein moderater Republikaner, wie man so sagt

Vom Überlebens- zum Wahlkämpfer: Arnold Schwarzenegger 2003 bei einer politischen Rallye im kalifornischen Fresno © Justin Sullivan/​Getty Images

Glücklicherweise gibt es für Schwarzenegger nicht nur eine B-Fortsetzung zu diesem Erfolgsfilm, sondern eine vollkommen andere Interpretation des gepanzerten Männerkörpers. Statt in ein hyborisches Pseudomittelalter führt James Camerons Terminator in die nahe Zukunft und gleich wieder in die Gegenwart. Schwarzenegger ist eine Android-Killermaschine, die in eine Welt geschickt wird, die einmal mehr von familiärem und sozialem Zerfall geprägt ist. Er soll die Mutter jenes Rebellen töten, die in besagter Zukunft die Menschen im Krieg gegen die Maschinen anführen würde. Nachdem diese Killermaschine ein paar der meistzitierten und allerknappesten Kinosätze überhaupt von sich gegeben hat – „I’ll be back“ oder „Hasta la vista, baby“ –, wird ihr Programm umgedreht und der Terminator im zweiten Teil der Reihe vom Bedroher zum Beschützer.

Die ganze Sache ist intelligent konstruiert, hat einen faszinierenden Science-Fiction-Noir-Look und spricht ein Publikum an, das zwischen fulminanten Actionszenen auch ein wenig zum Nachdenken schätzt. Der maschinisierte Männerkörper ist hier nicht mehr dumpfe Reaktion auf eine Welt in Auflösung, sondern entwickelt Bewusstsein. Stellt Fragen. Kann leiden. Und zeigt ganz direkt einen magischen Zusammenhang von Fleisch und Maschine auf.

Zur selben Zeit, Anfang der Neunziger, schlägt Schwarzenegger kaum eine Einladung zu Talkshows aus. Er will sich seinem Publikum als Kerl präsentieren, mit dem man reden kann. Ein Nachbarschaftstyp. Gewiss ist da immer noch dieser breite Akzent. Schwarzenegger pflegt ihn, es ist schließlich der unverzichtbare semantische Rest in dieser Geschichte vom Einwanderer, der sich den US-amerikanischen Traum erfüllt.

Die Erfolge der beiden ikonischen Schwarzenegger-Filme setzen den Schauspieler in die komfortable Lage, sich seine Rollen aussuchen zu können. Und dabei beweist er eine durchaus glückliche Hand. Im Gegensatz zur Konkurrenz auf dem Markt der in der Reagan-Ära groß gewordenen Actionhelden – von Sylvester Stallone (Rambo)  über Dolph Lundgren (Universal Soldier) bis Michael Dudikoff (American Fighter) – achtet er darauf, dass seine Filme im Großen und Ganzen familientauglich, politisch mehr oder weniger neutral und mit einem Hauch von Selbstironie versehen bleiben.

In der Zeit, in der sich die ersten Anzeichen der großen US-amerikanischen Spaltung zeigen, gehört Schwarzenegger zu den Köpfen, auf die sich noch alle einigen können. Die Jungen und die Älteren, Demokraten und Republikaner, Städte und Provinz, Männer und Frauen, Nerds und Rednecks. Und Schwarzenegger macht sich in Komödien wie Twins über sich selbst lustig und lässt in Last Action Hero eine veritable cineastische Dekonstruktion über sich ergehen.

Schwarzenegger, ein moderater Republikaner, wie man so sagt, hatte durchaus medienwirksam in den Kennedy-Clan eingeheiratet. Dass ihn der Weg vom Bodybuilder über den Filmstar in die Politik führen wird, ist aber schon in Österreich Teil seines US-amerikanischen Traums gewesen. Wäre ihm das wegen des Geburtsrechts nicht verwehrt gewesen, so hätte er sicher nur ein Ziel haben können: Präsident der Vereinigten Staaten zu werden.

Den Wahlkampf um den Posten des Gouverneurs von Kalifornien führt Schwarzenegger Anfang der Nullerjahre als betonter Antipolitiker. Und er führt ihn nach den Regeln des Showbusiness. Viel Inszenierung ist da im Spiel, aber auch eine feste Abwehr gegen unerwünschte Journalistenfragen. Er macht seine Sache gut. Auch in seiner politischen Funktion ist er der Mann, der noch einmal die Widersprüche überwinden kann. Als Republikaner, der ein grünes Bewusstsein entdeckt hat, als ein Freund der Bushs, der ihre Kriegspropaganda nicht mitmachen will. Nur einer, der von weit herkommt, kann so durch und durch US-amerikanisch agieren und nur einer, der von weit unten kommt, kann seinen Reichtum auf so sozialverträgliche Art genießen.

Damit ist das Erreichbare erreicht. Was folgt, sind eine Scheidung und ein Comeback in Hollywood: ein Alterswerk. Ein paar obligate Selbstzitate wie in den Senioren-Actionfilmen der Expendables-Reihe, die Fortsetzungen der Terminator-Filme und Nebenrollen in Supertrashprojekten der globalisierten Traumfabrik wie Iron Mask als Melange russischer, chinesischer, europäischer und US-amerikanischer Zutaten, die Schwarzenegger übrigens eine berechtigte Nominierung zur Goldenen Himbeere als schlechtester Nebendarsteller 2021 einbringen. Doch daneben liefert Schwarzenegger durchaus beachtliche Studien im Fach Verzweiflung und Alter ab, in Filmen wie Maggie oder Vendetta. Immer geht es da um große menschliche Verluste, mag sein, dass da Spuren der eigenen Biografie zu finden sind. Dieses Erfolgsbild und diese Mannmaschine, der Superkörper und Selbsterschaffer – am Ende sind sie eben auch das: ein Mensch. Einer, der nicht unsterblich ist.

Als öffentliche Figur ist Arnold Schwarzenegger immer noch unermüdlich im Dienst von Fitness und Gesundheit unterwegs. Nur dass er nicht mehr Konkurrenz und Erfolgsstreben, sondern nur ein schlichtes Glück verheißt, im eigenen Körper kein Fremder zu sein. Er vermittelt nun eher Liberalität und Toleranz als Kampf und Triumph. Eine letzte gelungene Transformation. Altersweisheit vielleicht. Aber auch Arnold Schwarzenegger wird eine Gesellschaft im Zerfall nicht heilen.

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