Beim Katholikentag in Stuttgart spricht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier über Verwerfungen in der Gesellschaft. „Diese Pandemie hat Spuren hinterlassen“, betont er. Steinmeier plädiert für Gespräche mit denen, die man verloren habe.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich über die Erschütterungen und Verwerfungen in der Gesellschaft durch die Corona-Pandemie besorgt gezeigt. „Diese Pandemie hat Spuren hinterlassen“, sagte der Bundespräsident am Donnerstag bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Katholikentags in Stuttgart. „Sie hat eine Dynamik entfaltet, mit der ich selbst auch nicht gerechnet habe.“
Es habe Konflikte und Streit gegeben am Arbeitsplatz, in den Familien und in den Vereinen. Er habe sich angesichts der Dynamik oft gefragt, wie von heute auf morgen und im Umgang mit einer Krankheit eine solche Unversöhnlichkeit in die Sprache hineinkommen könne.
Weil die Spuren geblieben und die Wunden noch nicht verheilt seien, müsse das Gespräch gesucht werden mit denen, die man verloren habe, forderte Steinmeier. „Und man muss vielleicht auch manches, was angerichtet worden ist, einander verzeihen“, ergänzte er. „Die Pandemie ist nicht eine Krankheit, die uns beherrschen darf.“ Es gebe andere Herausforderungen wie den Ukraine-Krieg und den Klimawandel, mit denen die Gesellschaft lernen müsse umzugehen.
Als Lehre aus der Pandemie muss Deutschland nach Ansicht des Bundespräsidenten die Zahl seiner Handelspartner vergrößern. „Wir werden die Globalisierung nicht zurückdrehen können. Wir werden es auch nicht wollen“, so Steinmeier. Der Prozess der Globalisierung könne aber auch nicht weiter betrieben werden wie bislang. „Nur noch, wo wir am billigsten einkaufen können, mit denen treiben wir Geschäfte – das ist jedenfalls das Konzept, das keine Zukunft hat.“
Steinmeier sagte weiter: „Wir werden die Zahl der Länder, von denen wir Rohstoffe und Vorprodukte bekommen, so weit wie möglich erweitern müssen, um in solchen Krisen wie jetzt besser reagieren zu können.“ In der Pandemie sei deutlich geworden, wie riskant es sei, von einem Exportland wie China abhängig zu sein. Beispielsweise würden 80 Prozent der Wirkstoffe in Arzneimitteln in Ostasien hergestellt, vor allem in China. Das gelte auch für Kunststoffvorprodukte und Corona-Schnelltests.
Das katholische Kirchenfest mit 1500 Veranstaltungen findet erstmals seit vier Jahren wieder in Präsenz statt. Allerdings werden bis Sonntag viel weniger Teilnehmer in Stuttgart erwartet als sonst, etwa 25.000. Darunter sind allein 7000 Mitwirkende. Zum Katholikentag 2018 in Münster waren noch 90.000 Menschen gekommen.
dpa/ll


