Keine Russen und Belarussen in Wimbledon. Die Kritik an der Entscheidung ist groß. Es leiden auch Spieler wie Andrey Rublev, der sich gegen den Krieg positioniert hat.
Andrey Rublev wusste, was auf ihn zukommen würde. Dafür ist der 24-jährige Russe, laut Weltrangliste der achtbeste Tennisspieler der Welt, schon zu lange im Geschäft. In den für siegreiche Spieler verpflichtenden Pressekonferenzen am Rande des ATP-Turniers in Belgrad ging es nach Rublevs Achtelfinalerfolg am Donnerstagabend kaum um Sport, sondern um eine Entscheidung, die in der Tennis-, ja in der ganzen Sportwelt für ziemlich viel Wirbel gesorgt hat: den Ausschluss aller russischen und belarussischen Spieler vom prestigeträchtigsten Tennisturnier der Welt in Wimbledon.
Eine serbische Reporterin fragte und Rublevs Antwort dauerte fünf Minuten. Und von Satz zu Satz, von Minute zu Minute wurde seine Stimme brüchiger, die Worte emotionaler. Rublev entschuldigte sich zunächst für sein einfaches Englisch. Eine klare Meinung vertrat er trotzdem. „Um ehrlich zu sein, macht die Begründung der Verantwortlichen keinen Sinn. Da steckt keine Logik dahinter“, sagte er. „Ich würde verstehen, wenn der Ausschluss auch nur ein halbes Prozent helfen oder einen Unterschied ausmachen würde. Aber durch diese Entscheidung wird sich gar nichts ändern.“
Stattdessen sei die Entscheidung schlicht diskriminierend gegenüber den Spielern. Rublev sagte, er habe den Verantwortlichen erklärt, dass die Spielerinnen bereit seien, sich schriftlich gegen den Krieg auszusprechen und das erspielte Preisgeld für humanitäre Zwecke zu spenden. „Für die Familien, die leiden. Für die Kinder, die leiden. Das würde etwas bewegen und der Betrag wäre zusammengerechnet mit rund einer Million Pfund so groß, wie er in den letzten zwei Monaten von keinem Sportverband gespendet wurde“, erklärte der Russe.
Für Rublev und seine Landsleute wie Karen Khachanov, der sich in Belgrad ebenfalls äußerte, ist die Situation aus kommunikativer Sicht höchst kompliziert. Russische Staatsbürger müssen zu Hause Strafverfolgung fürchten, wenn sie sich öffentlich gegen den Krieg stellen. Immerhin hatte Rublev bereits zu Beginn des Krieges per Instagram zum Frieden aufgerufen und nach einem Sieg beim Turnier in Dubai am 25. Februar auf eine Kameralinse geschrieben: „No war, please„. Auch Daniil Medvedev, seit vergangenen Herbst Grand-Slam-Sieger und kurzzeitig die Nummer eins in der Weltrangliste, derzeit aber verletzt, sagte nach Kriegsbeginn: „Meine Nachricht ist immer dieselbe – ich möchte Frieden überall auf der Welt.“
Umso überraschender und umstrittener die strenge Maßnahme der Wimbledon-Verantwortlichen. Bisher waren Russen und Belarussen nur von den Teamwettbewerben im Tennis ausgeschlossen worden. „Wir sind uns bewusst, dass diese Entscheidung hart für die betroffenen Einzelsportler ist“, schrieb der Wimbledon-Chef Ian Hewitt. Es sei traurig, dass sie unter den Taten des russischen Regimes leiden müssten. Aber Russland, so Hewitt, dürfe auf keinen Fall Nutzen aus der Teilnahme seiner Sportler bei einem Event mit derartiger Bedeutung ziehen. Aus den Kreisen von Turnierverantwortlichen und Managern ist zu hören, dass Druck vonseiten der britischen Regierung um den Premierminister Boris Johnson aufgebaut wurde.
Vier russische Spieler befinden sich zurzeit unter den besten 30 der Weltrangliste. Bei den Damen sind unter anderem die letztjährige Halbfinalistin Aryna Sabalenka und die mehrmalige Grand-Slam-Siegerin Victoria Azarenka betroffen. Insgesamt gilt der Ausschluss für rund 20 Einzelspielerinnen und -spieler und weit mehr Akteure im Doppel-, Mixed- und Juniorenbereich.
Die Frage ist auch, wie viel Russland überhaupt noch in den Spielern steckt. Medvedev und Rublev etwa leben schon lange in Frankreich, Azarenka verbrachte den Großteil ihres Lebens in den USA. Heute sind sie selbstständige und freie Arbeitnehmer auf der Profitour, sie starten für kein Land im strengeren Sinne. Früher in der Jugend genossen sie aber Förderungen ihrer Verbände.
Die Tourverbände ATP und WTA, die sich früh und anders als andere Sportverbände gegen eine Kollektivstrafe für Russinnen und Russen entschieden hatten, kritisierten das Vorpreschen Wimbledons gleichermaßen. Die ATP erklärt, es sei „unfair“, Spieler wegen ihrer Nationalität zu diskriminieren, und die Entscheidung habe „das Potenzial, ein schädlicher Präzedenzfall“ zu werden. Die WTA prüfe Schritte und mögliche Maßnahmen gegen diese Entscheidung, hieß es in einer Stellungnahme. Der WTA-Chef Steve Simon hatte unlängst in der Sports Illustrated bekannt: „Die WTA ist ganz klar der Meinung, dass individuelle Athleten nicht für Entscheidungen von politischen Führungskräften ihres Landes bestraft werden sollten.“
Nachdenken über Sanktionen
Auf den von ATP und WTA ausgerichteten Turnieren dürfen russische und belarussische Athleten daher weiter teilnehmen. Die vier größten Tennisturniere der Welt, die mit Abstand am meisten Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erhalten, werden allerdings vom Weltverband ITF ausgerichtet. Das prestigeträchtige Turnier in Wimbledon ist zudem das einzige, das von einem eigenen Club ausgerichtet wird und schon immer eigene Entscheidungen getroffen hat.
Nach dem Zweiten Weltkrieg etwa schloss Wimbledon japanische und deutsche Spieler von den Wettkämpfen aus. Gottfried von Cramm, Deutschlands bester Spieler der damaligen Zeit, durfte erst 1951 wieder in London aufschlagen. 2020 hatte von allen großen Events allein Wimbledon eine Versicherung gegen die Pandemie abgeschlossen und das Turnier komplett gecancelt.
Dieses Mal aber gibt es Widerstand gegen den Alleingang. „Wenn sich die Politik in den Sport einmischt, ist das Ergebnis nicht gut“, sagte der sechsmalige Wimbledonsieger Novak Djokovic am Rande des Turniers in Belgrad.
Auch die Tennis-Ikone Martina Navratilova fühlt mit der ukrainischen Bevölkerung und den Sportlern, hält den Ausschluss der russischen und belarussischen Sportlerinnen aber für falsch: „Tennis ist ein solch demokratischer Sport. Es ist schwierig, wenn man sieht, dass die Politik ihn zerstört.“ Der Krieg sei schrecklich. Der Ausschluss gehe aber über das hinaus, was erforderlich sei. Eine andere Legende, Billie Jean King, unterstützte diese Sichtweise in einem Statement.
Selbst die ukrainische Topspielerin Elena Svitolina erklärte gegenüber der BBC: „Wir wollen sie nicht komplett ausgeschlossen haben.“ Ein Ausschluss sei nur richtig, wenn Spieler nicht gegen die russische Regierung ihre Stimme erhöben. Zusammen mit anderen ukrainischen Spielern um den Exprofi Sergiy Stakhovsky, der sein Land nun als Soldat verteidigt, hatte Svitolina zuvor die WTA und ATP aufgerufen, russische und belarussische Spieler dazu zu bewegen, sich klar zu positionieren.
Statt einer klareren Kommunikation denkt die WTA nun offenbar über Sanktionen gegen Wimbledon und den englischen Verband nach. Die französische Sportzeitung L’Équipe leakte am Freitag eine E-Mail von Steve Simon an die Spielerinnen, die Sanktionen auf Grundlage der WTA- und Grand-Slam-Regeln (Qualifikation ausschließlich anhand von Weltranglistenpunkten) implizierte. Am Rande des Turniers in Stuttgart war zudem zu vernehmen, dass sich bald Turnier- und Spielervertreter mit den Verbänden treffen wollen mit dem klaren Ziel, Sanktionen zu vereinbaren. Eine Möglichkeit neben dem Ausschluss Wimbledons wäre die Zurücknahme von Weltranglistenpunkten, die das Turnier abwerten und ausgeschlossene Spieler schützen würde.
Die meisten Profis jedenfalls wollen keine Kollektivstrafen, sondern sehnen sich nach einer deutlichen und einheitlichen Ansprache der Verbände, die auch russische Spieler dazu zwingt, den Angriffskrieg ihres Landes kommunikativ anzuerkennen – zumindest im Rahmen dessen, was ihnen möglich erscheint.






