Lockdown in Shanghai

„Abends höre ich, wie meine Nachbar:innen vom Balkon schreien“

20.04.2022
Lesedauer: 8 Minuten
Die Millionenstadt Shanghai war in den vergangenen Wochen so ruhig wie nie. © Hector Retamal/​Getty Images

Florian arbeitet in Shanghai – mitten im Lockdown. Nur alle zwei Tage durfte er in den Hof zum Testen. Die Zeit nutzte er, um Lebensmittel mit Nachbar:innen zu tauschen.

Die Millionenstadt Shanghai war in den vergangenen Wochen so ruhig wie nie. © Hector Retamal/​Getty Images

In Shanghai, der reichsten Stadt Chinas, galt seit Ende März ein strenger Lockdown. In dem gesamten Land wurden täglich rund 30.000 Neuinfektionen registriert, fast alle davon in Shanghai. China reagierte mit einer strikten Null-Covid-Politik, die die Ausbreitung der Coronavirus-Variante Omikron BA.2 eindämmen sollte. In Shanghai durften mehr als 25 Millionen Menschen ihre Wohnungen wochenlang nicht mehr verlassen.

Auf Druck der Bevölkerung gibt es nun erste Lockerungen: 12 Millionen Bewohner:innen dürfen sich wieder außerhalb ihrer Wohnungen bewegen, einige nur in ihren Wohnanlagen.  Manche Fabriken haben wieder geöffnet, einige Menschen dürfen zur Arbeit. Doch viele können weiterhin die Wohnung nicht verlassen.

Florian Neumann, Mitte 30, wohnt seit vier Jahren in Shanghai, ist dort Manager eines mittelständischen Maschinenbauunternehmens – und hat den Lockdown miterlebt. Aus Sorge vor Repressalien gegen ihn oder seine Firma steht er hier nicht mit seinem echten Namen. Name und Alter sind der Redaktion aber bekannt. Während viele seiner Freund:innen Shanghai bereits verlassen haben, lebt Neumann weiterhin dort. Einen positiven Test hatte er bisher nicht.

Florian Neumann arbeitet als Manager in Shanghai – er erlebte den Lockdown

„Ich bin seit fünf Wochen in meiner Wohnung. Raus durfte ich bisher nur, um alle zwei Tage im Innenhof einen Corona-Test zu machen. Das dauert selten länger als fünf Minuten. Jetzt gibt es neue Regeln: Ich darf mich frei in der Wohnanlage bewegen. In den vergangenen fünf Wochen war ich wie eingesperrt. Wann der Lockdown wirklich vorbei ist, weiß ich nicht. 

Ich habe große Sorge, mich mit dem Coronavirus zu infizieren, zum Beispiel wenn ich zum Testen in den Hof gehe. Nicht meinetwegen, sondern wegen meines Hundes. Ist der Test positiv, würde ich abgeholt und in ein Quarantänelager gebracht werden – Haustiere darf man da nicht mitnehmen. Seuchenbekämpfer:innen würden meine Wohnung desinfizieren. Ich habe gehört, dass Haustiere umgebracht werden, wenn sie während der Desinfektion in der Wohnung entdeckt werden. Bisher bin ich davon ausgegangen, dass so was auf dem Land passiert, aber nicht im westlich geprägten Shanghai, der reichsten Stadt Chinas. Doch jetzt gibt es Videos und Geschichten aus Shanghai. Meine Ex-Freundin würde den Hund zwar zu sich nehmen, aber ich habe keine Möglichkeit, ihn zu ihr zu transportieren. Ich darf die Anlage nicht verlassen.

Ich bin alleinstehend, eher introvertiert, habe eine große Dreizimmerwohnung und genug Arbeit, um mich zu beschäftigen. Als Geschäftsführer eines Maschinenbauunternehmens sitze ich momentan vor allem an der Unternehmensstrategie, die Fabrik steht gerade noch still. Als Manager bin ich in einer sehr privilegierten Situation. Viele Menschen hier leben in winzigen Einzimmerwohnungen und haben kein Geld, um die im Lockdown viel teureren Preise für Lebensmittel zu bezahlen.

Ich versuche, meinen Tagesablauf beizubehalten. Um sieben Uhr stehe ich auf, mache Frühstück und trinke einen Kaffee. Dann habe ich eine Stunde Chinesisch-Unterricht, um neun Uhr fange ich an zu arbeiten. Nach dem Mittagessen sitze ich mit dem Hund ein bisschen auf dem Balkon und telefoniere mit Freund:innen in China. Ich arbeite bis ungefähr 19 Uhr, mache etwas Yoga und koche für den nächsten Tag. Abends spiele ich häufig Playstation – natürlich online – mit Freund:innen. Wir unterhalten uns und trinken gemeinsam ein Bier. Gegen Mitternacht gehe ich ins Bett.

Ich koche mehr als sonst, probiere neue Rezepte aus und mache etwas aus den Lebensmitteln, die ich habe. Neulich gab es Spargelcremesuppe. Als ich geahnt habe, dass ein längerer Lockdown kommen könnte, habe ich mir eine Playstation und einen Thermomix gekauft. Außerdem habe ich mir Lebensmittel auf Vorrat besorgt.

Neulich habe ich zwei Flaschen Cola gegen ein Päckchen Hefe getauscht, weil ich einen Kuchen backen wollte.

Florian Neumann

Essen ist jedoch mittlerweile ein Problem. Die offizielle Versorgung mit Lebensmitteln ist sehr schlecht. Etwa einmal die Woche kriege ich eine Tüte mit einer Kartoffel, einer Karotte und einem Becher Reis. Das ist ein Witz. Zum Glück dürfen wir inzwischen größere Sammelbestellungen aufgeben. Wir Nachbar:innen haben uns zusammengetan und bestellen jetzt manches direkt beim Hersteller, zum Beispiel frisches Gemüse. Bis die Geschäfte wieder richtig geöffnet haben, wird es noch dauern.

In meinem Compound leben ungefähr 2.500 Menschen. Wir haben Chatgruppen, in denen wir uns austauschen: Hast du Kaffee? Hast du Schokolade? Neulich habe ich zwei Flaschen Cola gegen ein Päckchen Hefe getauscht, weil ich einen Kuchen backen wollte. Cola ist eine sehr angesagte Währung. Die Lebensmittel haben wir getauscht, wenn wir uns beim Testen im Hof gesehen haben. Besuchen durfte ich meine Nachbar:innen bisher nicht.

Und natürlich gibt es einen Schwarzmarkt. Das läuft über WeChat, dem chinesischen WhatsApp. Die Kontaktdaten der Händler:innen werden in Chatgruppen rumgereicht. Vor ein paar Tagen habe ich mir eine Kiste Bier für umgerechnet 100 Euro gekauft. Neulich ein paar Flaschen Wasser, weil das Leitungswasser mit Schwermetallen belastet ist. Dafür habe ich mit Liefergebühren 30 Euro bezahlt. Man weiß nie, ob es klappt, es gibt Betrug. Um an die Sachen zu kommen, muss ich das Geld im Voraus bezahlen. Wenn alles gut geht, geben die Kurier:innen die Bestellung am Hauseingang ab.

Das Bier habe ich bestellt, um mir eine Freude zu machen. Vor dem Lockdown hätte ich genauso viel Geld in Bars ausgeben. Shanghai war für mich eine lebenswerte Stadt. Ich kenne Leute aus der ganzen Welt, wir sind in tolle Restaurants gegangen, haben uns spontan zum Kaffeetrinken verabredet. In meinem internationalen Freundeskreis wurde viel gearbeitet, wir haben in China Karriere gemacht. Jetzt wollen wir alle weg, und ich kenne fast niemanden, der:die wiederkommen will. Die, die hadern, haben hier Kinder, haben geheiratet.

Seit ein paar Wochen habe ich Probleme mit meiner Handmuskulatur, ich kann keine Faust machen. Außerdem habe ich Ausschlag von dem Desinfektionsmittel, mit dem die Lebensmittel eingesprüht werden. Eigentlich müsste ich zum Arzt, gerade verdränge ich das Thema. Ich werde nicht daran sterben. Aber ich habe Angst vor Schlimmerem, zum Beispiel einem entzündeten Blinddarm. Die medizinische Versorgung ist schlecht. Viele Einrichtungen haben geschlossen, Krankenhäuser sind mit Corona-Fällen überlastet. Um ein wenig mehr Sicherheit zu haben, kontaktiere ich meine Freund:innen regelmäßig, um zu sehen, wie es ihnen geht – und sie mich.

Ich bin recht resilient und versuche mir zu sagen, dass diese Corona-Situation eine Challenge ist, die ich schon durchstehen werde. Trotzdem mache ich mir in letzter Zeit mehr Gedanken um meine Freiheiten. Das habe ich vorher noch nie so intensiv getan. Klar, in Deutschland geht man für alles auf die Straße, man hat die Freiheit, das zu tun – sogar um zu sagen, dass man sich nicht impfen lassen will. Gerade letzteres fand ich immer lächerlich. Im Lockdown spüre ich am eigenen Leib, wie es ist, sich unfrei zu fühlen. Meine Freiheit ist mir jetzt noch mehr wert. 

China ist ein Regime. Aber es reicht mir inzwischen.

Florian Neumann

Ich habe den Eindruck, dass die deutsche Botschaft, aber auch die europäische und die deutsche Handelskammer alles tun, um die Situation der Menschen, die aus Deutschland zum Arbeiten nach China gekommen sind, zu verbessern: Sie versuchen, auf die Regierung einzuwirken, bitten um weitere Lockerungen. Aber das Ziel der chinesischen Regierung ist, Corona zu bekämpfen – um jeden Preis. Das Leid des Einzelnen interessiert dabei nicht, und schon gar nicht das Leid einzelner deutscher Unternehmer. Ich werde mich an die Botschaft wenden, falls meine Situation wirklich schlimm wird. Zurzeit bin ich nur einer von vielen.

In meinem Bekanntenkreis sind einige, die zwar Corona haben, aber noch zu Hause sind. Vermutlich ist das Null-Covid-System in Shanghai überlastet. Es gibt einfach zu viele Corona-Fälle. Meinen Freund:innen wird von den Behörden gesagt, sie würden bald abgeholt und ins Quarantänelager gebracht – dann erscheint aber niemand. Manchmal kommen diese Anrufe wohl mitten in der Nacht. Mitnehmen darf man nur das Wichtigste: Medikamente, etwas Kleidung, Toilettenpapier, eine Decke, Kopfhörer.

Ich habe ein Flugticket für nächste Woche. Ich will in ein anderes asiatisches Land und erst mal von dort arbeiten. Als ich mich entschieden habe, in China zu leben, wusste ich, worauf ich mich politisch einlasse. China ist ein Regime. Aber es reicht mir inzwischen. Auch meine Familie sagt: Komm nach Hause oder geh irgendwo hin, wo es besser ist.

Vorher muss ich eine Lösung für meinen Hund finden. Der Hund hat nicht die Papiere, die zur Ausreise benötigt werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass mein Flug abgesagt wird, ist hoch. Es ist nicht leicht, zum Flughafen zu kommen. Zuerst braucht man eine Freigabe vom Nachbarschaftskomitee, dass man die Anlage verlassen darf. Dann muss man eine:n Fahrer:in mit Sondergenehmigung beauftragen – das ist teurer als der Flug, bis zu 400 Euro für 30 Kilometer Fahrt. Auf dem Weg zum Flughafen müsste ich ins Krankenhaus, um mich für 250 Euro noch einmal auf das Coronavirus testen zu lassen. Für diesen gesamten Ablauf plane ich acht Stunden Zeit ein. Wenn der Flug abgesagt wird, hängt man am Flughafen fest. In einer Chatgruppe habe ich von Menschen gelesen, die dort seit Wochen wie gefangen sind.

Abends habe ich oft gehört, wie meine Nachbar:innen aus dem Fenster und vom Balkon schreien, weil sie die Situation nicht mehr aushalten. Aber es gibt Lockerungen: Ab morgen darf ich zumindest wieder in der Anlage spazieren gehen. Mein Leben ist wie auf Pause und das ist ein ekelhaftes Gefühl.“

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