U-Ausschuss zur Flut befragt Sachverständige

Experten: „Extremregen an der Ahr war absehbar“

14.01.2022
Lesedauer: 6 Minuten
Quelle: swr.de

Im Untersuchungsausschuss des rheinland-pfälzischen Landtags zur Flutkatastrophe haben mehrere Sachverständige ausgesagt, dass das Extremhochwasser einen Tag vorher absehbar war. Bei der Katastrophe vom 14. auf den 15. Juli kamen 135 Menschen ums Leben.

Der Hydrologe Jörg Dietrich etwa berichtete, schon am 13. Juli hätten Daten gezeigt, dass es ein extremes Risiko für eine Sturzflut an der oberen Ahr gebe. Auf Basis dieser Erkenntnisse hätten die Behörden am Nachmittag des 14. Juli für den Unterlauf der Ahr Maßnahmen beschließen können, beispielsweise Evakuierungen. Die Behörden hätten etwa die möglichen Überflutungsflächen falsch eingeschätzt.

„Zu wenige Menschen wurden konkret gewarnt“

Konkrete Warnungen habe es dann nur für Menschen gegeben, die 50 Meter links und rechts der Ahr wohnten. „Man hätte wissen müssen, dass 50 Meter bei weitem nicht ausreichen“, so Dietrich. Der Fluss sei an manchen Stellen bis zu 500 Meter übergetreten. Laut seines Gutachtens gab es an dem Tag stundenlang Zeit, die Menschen, zumindest am Unterlauf der Ahr, in Sicherheit zu bringen. Nachmittags seien am Oberlauf der Ahr Höchststände gemessen worden. Erst sieben Stunden später sei die Flutwelle in Sinzig am Rhein angekommen, wo 12 Bewohner eines Behindertenwohnheims ums Leben kamen.

Flut-U-Ausschuss in RLP befragt Wetterexperten (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Arne Dedert)
Flut-U-Ausschuss in RLP befragt Wetterexperten

Auch der Karlsruher Diplom-Meteorologe Bernhard Mühr erklärte, am Vormittag des 14. Juli sei absehbar gewesen, dass Extremregen die Ahr treffen würde. Seiner Einschätzung nach war spätestens um 16 Uhr unzweifelhaft klar, dass es an der Ahr ein Hochwasser von einem extremen Ausmaß geben würde – und zwar ein Hochwasser wie es seltener als alle 100 Jahre vorkommt. Laut Mühr hätten spätestens dann Schritte eingeleitet werden müssen, um die Menschen zu schützen. Das sei aber nicht passiert.

Mühr: Unverständnis für späte Reaktion

Die Behörden hätten vorgewarnt sein können, da Meteorologen schon zwei Tage vor der Katastrophe extreme Niederschläge im Westen Deutschlands, in der Eifel und Umgebung vorhergesagt hätten, so Mühr. Er sagte, er verstehe nicht, warum zu spät reagiert worden sei, warum es nicht schon im Laufe des 13. Juli Aufforderungen gegeben habe, etwa an die Campingplätze sowie an die Anwohner, ihre Autos vom Ufer weg zu parken.

Zweifel, ob Brisanz der Warnungen erkennbar war

Aus Sicht des Experten Mühr hat der Deutsche Wetterdienst (DWD) „frühzeitig und sachlich richtig gewarnt“. Der DWD habe die höchste mögliche Warnstufe 4 vor Dauerregen am 13. Juli ausgegeben. Er bezweifle allerdings, dass die Brisanz und der Handlungsdruck aus dem Text des DWD für alle zu erkennen waren. Mühr bemängelte: „Es gibt zu viele Wetter-Warnungen in Deutschland.“ Dabei bestehe die Gefahr, dass die wirklich wichtigen Meldungen übersehen würden. Den zuständigen Behörden hätte der Handlungsdruck nach der Warnung aber klar werden müssen.

Plöger: „Das Problem ist, Warnungen einzugrenzen“

Der Meteorologe Sven Plöger berichtete, am 12. und 13. Juli 2021 im Dienst gewesen zu sein. Am 14. und 15. Juli dagegen nicht. „Was ich am 12. Juli wusste, dass wir mit sehr viel Regen rechnen mussten“, sagte Plöger. Da sei klar gewesen: „Da kommt was auf uns zu“. Er habe zu diesem Zeitpunkt bereits gewarnt: „Achtung an den Flüssen, beobachten Sie die Pegel, gehen Sie von den Flüssen weg“. Dass der Ahr-Pegel über neun Meter steigen werde, „habe ich nicht gewusst, und ich behaupte, das hat auch keiner gewusst“. Das Problem liege in der konkreten Eingrenzung der Wetter-Warnungen. Es sei zu schwierig, mit mehreren Tagen Vorlauf vorherzusagen, wo genau solche Unwetter zu verheerenden Flutwellen wie im Ahrtal führten.

Meteorologe Sven Plöger vor dem U-Ausschuss des RLP-Landtags zur Flut (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Arne Dedert)
Meteorologe Sven Plöger vor dem U-Ausschuss des RLP-Landtags zur Flut

„Meteorologen können nicht zu Evakuierungen aufrufen“

Für den 14. Juli, den Tag der Ahrtal-Flut, habe im Vorfeld auch für den Schwarzwald das Risiko eines extremen Starkregenereignisses bestanden, sagte Plöger: „Im Schwarzwald ist genau nichts passiert, es hat einfach nur viel geregnet.“ Seiner Überzeugung nach lassen sich von extremem Starkregen betroffene Regionen nicht mit großem zeitlichen Vorlauf evakuieren. Es sei auch nicht die Aufgabe von Meteorologen, zur Evakuierung bestimmter Gebiete aufzurufen, so Plöger.

Cloke: „Die Zahl der Todesopfer zeigt, dass das System versagt hat“

Die britische Wissenschaftlerin Hannah Cloke, die live in den Untersuchungsausschuss zugeschaltet wurde, sagte, das europäische Hochwasser-Warnsystem EFAS habe am 9. /10. Juli für das Rhein-Einzugsgebiet mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit ein Hochwasser ab dem 13. Juli vorhergesagt. „Es stand eine schwerwiegende Überschwemmung bevor“, so die Professorin von der britischen University of Reading und freie EFAS-Beraterin. Es habe eine Warnung von beträchtlichem Schweregrad gegeben, und sie sei sehr überrascht gewesen, dass dennoch so viele Menschen bei der Flutkatastrophe ums Leben gekommen seien. „Die Zahl der Todesopfer zeigt, dass das System versagt hat“, so Cloke. Die Kritik beziehe sich aber nicht auf bestimmte Teile in Rheinland-Pfalz. Sie wisse nicht, wie die EFAS-Meldungen in nationale und regionale Entscheidungsfindungsprozesse einbezogen würden.

Britische Wissenschaftlerin spricht per Video-Schalte mit RLP-U-Ausschuss zur Flut (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Arne Dedert)
Britische Wissenschaftlerin spricht per Video-Schalte mit RLP-U-Ausschuss zur Flut

Geograf: Böden im Ahrtal speichern kaum Wasser

Nach Darstellung des Geografen Heye Bogena vom Forschungszentrum Jülich gibt es im Ahrtal im Durchschnitt jedes vierte Jahr ein Hochwasser-Ereignis. Hauptgrund sei der Untergrund des Rheinischen Schiefergebirges mit mächtigen Schichten, die wenig Hohlräume oder Poren hätten und daher kaum Wasser speichern könnten. Aufgrund vieler Niederschläge im Juni und Juli 2021 gehe er davon aus, dass die Böden am 14. Juli 2021 bereits zu etwa 50 Prozent gesättigt waren als der Starkregen einsetzte, so Bogena. Das habe die Situation sicherlich noch etwas verschärft.

Fachleute schickten vorab Gutachten an Ausschussmitglieder

Die Wetterexperten, zu denen auch Jörg Kachelmann gehört, sollen in der ganztägigen Sitzung des Untersuchungsausschusses ihre Einschätzung zur Katastrophe vom Juli des vergangenen Jahres abgeben. Es soll geklärt werden, ob die extreme Wetterlage zum Zeitpunkt der Flut vorhersehbar war und wie es zu einer derartigen Zerstörung kommen konnte – mit mehr als 130 Toten und hunderten Verletzten in Rheinland-Pfalz. In diesem Zusammenhang soll auch über die Rolle des Klimawandels und der geografischen Gegebenheiten gesprochen werden.

Für jeden der Experten hat der Untersuchungsausschuss des rheinland-pfälzischen Landtags eine Stunde angesetzt. Alle Fachleute haben ein Gutachten an die Ausschussmitglieder geschickt und sollen ihre zentralen Punkte in 15 Minuten vorstellen. Danach ist jeweils eine dreiviertel Stunde für die Befragung vorgesehen. Mit einem Ende der Sitzung, die wegen der Corona-Pandemie im Plenarsaal des Landtags stattfindet, wird erst am späten Abend gerechnet.

Sendung von heute 19:30 Uhr, SWR Aktuell Rheinland-Pfalz, SWR Fernsehen RP

Das könnte Sie auch interessieren

Für Energiekonzern
01.12.2024
EU-Plan gescheitert
29.11.2024
ARD-Show "Die 100"
26.11.2024
Abstimmung über neue EU-Kommission
27.11.2024

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

vier × eins =

Weitere Artikel aus der gleichen Rubrik

Für Energiekonzern
01.12.2024
EU-Plan gescheitert
29.11.2024

Neueste Kommentare

Trends

Alle Kategorien

Kategorien