Gendern ist bäh

Philosoph Precht passt sich Dieter Nuhr an

23.12.2021
Lesedauer: 3 Minuten
Philosoph Richard David Precht findet Gendern nicht so gut.© Rolf Vennenbernd/dpa

Was ist nur los mit unserer männlichen Intelligenzija? Oder anders gefragt: Warum hat Philosoph Precht Angst vorm Gendern?

Frankfurt am Main – Richard David Precht macht in letzter Zeit gerne schnell mal Radau. Und zwar zu Themen, denen gegenüber ein Philosoph eigentlich im öffentlichen Austausch zu mehr Sorgfalt verpflichtet sein sollte. Precht offenbart hier jedoch einige Defizite, und entsprechend liegt die Vermutung nahe, dass er unbedingt Aufmerksamkeit von den Leuten will, die er – für einen Philosophen erstaunlich unterkomplex – kritisiert.

Aber fangen wir mit Prechts Talk mit Markus Lanz im Corona-Kontext an. Dort hatte er in einem Podcast Impfungen als „Gentechnik“ bezeichnet, und vielleicht sollte man ihn daran erinnern, dass auch die Philosophie naturwissenschaftlichen Erkenntnissen nicht verschlossen sein dürfte. Wer das polarisierende Wort Gentechnik im Zusammenhang mit Impfungen in den Mund nimmt, läuft Gefahr, Verschwörungsmythen zu Impfstoffen weiterzutransportieren. „Die in mRNA-Impfstoffen enthaltenen genetischen Informationen bestehen nicht aus DNA, sondern aus RNA“, erfährt man nach zwei Klicks bei Google, aber der von Haus aus Philosoph, Schriftsteller, Publizist und Moderator (Wikipedia) wollte sich offenbar Richtung „Querdenker“ positionieren.

Gut, weiter im Text mit seinem unsäglichen Interview mit Kollegin und Schwester im Geiste, Svenja Flaßpöhler. Mit ihr hatte er im ZDF einen quasi-philosophischen „Das wird-man-ja-wohl-noch-sagen“-Klub gegründet, um den Sensibelchen dieser Welt mal zu zeigen, was eine philosophische Harke ist. Ein Bärendienst für diesen Fachbereich.

Richard David Precht will „Querdenkern“ verzeihen

Und aktuell? Wird Richard David Precht vom Axel-Springer-Blatt Welt als „Star-Philosoph“ gefeiert, was, mit Verlaub, in diesem Kontext nicht zwingend ein Kompliment sein muss. Woher kommt diese Ehre kurz vor Weihnachten? Im Interview gibt sich Precht zunächst als großer Versteher von „Querdenkern und Verschwörungstheoretikern“. Hier sei er gerne bereit, zu „vergeben“, der „Regierung“ übrigens auch, wobei diese Hybris eigentlich nur ironisch gemeint sein kann. Könnte mich aber auch täuschen.

Viele Allgemeinplätze hat er zum Thema Corona zu sagen, interessant wird es jedoch, wenn er auf das Gendern zu sprechen kommt – übrigens, wie wir von Philosophinnen und Comedians wie Dieter Nuhr wissen, das Kernproblem Nummer 1. Vorschläge zur gendergerechten Sprache seien „dämlich“, beziehungsweise sei „gendergerechte Sprache … eine der dümmsten Ideen unserer Zeit“. Weil? Weil Sprache „kulturelle Heimat für Menschen“ sei und Sprache von Tradition lebe.

Gendern und Precht: Philosoph will „kulturelle Heimat“

Moment. Also wenn Sprache „kulturelle Heimat für Menschen“ ist, wäre es dann nicht zwingend, eben Sprache an die Menschen anzupassen? Das Argument mit der „Tradition“ ließe sich entspannt entkräften, weil Tradition nicht zwangsläufig etwas Positives meint. Immerhin war Hexenverbrennung auch einmal Tradition.

elbstverständlich gut und richtig, Frauen völlig gleichberechtigt zu behandeln, aber mit dem Gendern hat man auf das falsche Pferd gesetzt und versucht, einen toten Gaul durch das Ziel zu reiten. Weil die Linke nicht mehr daran glaubt, dass man die Welt besser machen kann, versucht sie, die Sprache besser zu machen.“ Selbstverständlich, Herr Precht, sollen Frauen gleichberechtigt behandelt werden, aber sprachlich bitte nicht wahrnehmbar, denn gegen „Tradition“ zu agieren, heißt im Prechtschen Philosophen-Duktus „sich verrennen“.

Richard David Precht: In Sachen Gendern verrennt er sich

Wer es zu gut mit ihm meint, legt Prechts a-wissenschaftlich-populistisches Dahergerede als gelangweilten Whataboutism aus. Alle anderen erkennen ein Muster, das sämtliche teleaffinen Protagonistinnen umtreibt (siehe Dieter Nuhr): mit aller Gewalt dem heteronormativ-patriarchalen Mainstream nach dem Mund reden, nur um der potenziell nahenden Bedeutungslosigkeit zu entgehen. (Katja Thorwarth)

Quelle: Von Katja Thorwarth

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