Führungschaos bei VW

Weltkonzern im Kindergarten-Modus

04.11.2021
Lesedauer: 4 Minuten
Konzernboss Diess neben Tiguan GTE: Strategischer Weitblick, aber Mängel in der Kommunikation Foto: RALPH ORLOWSKI/ REUTERS

Mit ermüdender Regelmäßigkeit zofft sich VW-Boss Diess mit Betriebsrat und Aufsehern. Statt um Investitionen und Strategie geht es um Macht, Stolz und Eitelkeiten. So verpasst der Konzern die Chance zum Aufbruch.

Seit dem vergangenen Sonntag gilt wieder die Winterzeit. Man hätte seine Uhr jedoch auch nach einem anderen Ereignis stellen können. Alljährlich im Herbst steht in Wolfsburg die sogenannte Planungsrunde an. Topmanager und Aufsichtsräte – überwiegend Männer – ringen dabei um Milliardeninvestitionen in Werke und neue Produkte. Es ist ein beispielloses Geschacher, das Europas größten Autokonzern mit ermüdender Regelmäßigkeit an den Rand einer Führungskrise bringt. So auch im November 2021.

Das Hauptthema wird zur Nebensache

Von »Vertrauensbrüchen« reden dann die einen, von »Blockade« die anderen. Das Hauptthema der Planungsrunde – die Auslastung der VW-Standorte mit zukunftsfähigen Produkten – gerät dann zur Nebensache. Jetzt muss sich ein vierköpfiger Vermittlungsausschuss darum bemühen, wieder Einigkeit herzustellen. Als ob der Konzern gerade keine größeren Probleme hätte.

Während VW unter Absatzeinbrüchen leidet, verkündet Tesla Quartal für Quartal Rekordgewinne. Neue chinesische Wettbewerber drängen auf den europäischen Markt. Und auch die deutsche Konkurrenz erholt sich: Diess’ Ex-Arbeitgeber BMW managt den Chipmangel deutlich professioneller als die Wolfsburger. Doch Volkswagen ist mal wieder mit sich selbst beschäftigt. Die Außenstehenden reiben sich die Augen und fragen: Warum eigentlich? Galt VW nicht bis vor Kurzem noch als Vorreiter der E-Wende, als Tesla-Verfolger Nummer eins? Befriedigende Antworten kann in Wolfsburg keiner geben.

Betriebsratschefin Cavallo: Kommt Diess auch mit ihr nicht klar?
Betriebsratschefin Cavallo: Kommt Diess auch mit ihr nicht klar?
 Foto: Kevin Nobs / dpa

Es ist wie im Kindergarten, wenn der Streit um ein neues Spielzeugauto eskaliert. Man zofft, prügelt und mobbt sich – bis hin zur Ausladung vom Kindergeburtstag. Und irgendwann weiß keiner mehr, warum eigentlich.

Auch in Wolfsburg lässt sich der Ursprung der Dauerkonflikte zwischen Konzernspitze, Betriebsrat und Aufsichtsräten oft schwer nachvollziehen. Zumal die Beteiligten gern betonen, man sei »in der Sache eigentlich gar nicht so weit auseinander«. Es geht also auch um Macht, Stolz und Eitelkeiten.

Solch niedere Instinkte gibt es natürlich auch bei Rivalen wie BMW oder Daimler. Aber nirgendwo sonst werden sie derart zelebriert wie in Wolfsburg, in Form halböffentlicher bis öffentlicher Showkämpfe. Für den Konzern und seine weltweit 660.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist das fatal.

Seit Herbert Diess im Frühjahr 2018 den Chefposten übernommen hat, hat sich die Taktfrequenz solcher Großkonflikte weiter erhöht. Gleich zweimal hätte er im vergangenen Jahr beinahe seinen Job verloren, weil er sich mit Aufsichtsräten und Betriebsräten anlegte. Im Vordergrund stand dabei nicht etwa die Zukunft des Unternehmens, als deren Vorkämpfer Diess sich gern inszeniert, sondern eine vorzeitige Verlängerung seines Vorstandsvertrags.

Die hat Diess im Juli nach monatelangem Drängeln denn auch tatsächlich bekommen. Es war ein Vertrauensbeweis für einen Topmanager, dessen Führungsqualitäten umstritten sind. Und ein starkes Mandat für die Fortsetzung seiner konsequenten Elektrooffensive. Statt jedoch die Chance zum Aufbruch zu nutzen und Rivalen wie Tesla in ihre Schranken zu weisen, zerfleischt sich der Konzern lieber selbst.

Dabei schienen die Arbeitsbedingungen für Diess zuletzt optimal. Sein jahrelanger Dauerrivale, Betriebsratsboss Bernd Osterloh, nahm einen hoch dotierten Vorstandsposten bei der Lkw-Tochter Traton an. Nachfolgerin Daniela Cavallo gilt zwar als genauso hart in der Sache, tritt aber weniger polternd auf. Galt Osterloh noch als unberechenbar, cholerisch und nicht minder machtbewusst als Diess, wird Cavallo konzernweit für ihre Besonnenheit geschätzt. Sollte es dem Konzernboss auch mit ihr nicht gelingen, einen stabilen Arbeitsmodus zu finden, deutet das auf gravierende eigene Mängel im Verhandlungs- und Kommunikationsgeschick hin.

Diess besitzt einen strategischen Weitblick, den selbst seine Kritiker bewundern. Früher als jeder andere deutsche Autoboss hat er erkannt, wie radikal die Branche umsteuern muss, und dass Bits und Bytes künftig wichtiger werden als schnöde Blechkarossen. Dass er sich trotzdem immer wieder in sinnlosen Kleinkriegen verzettelt, lässt selbst seine glühendsten Befürworter verzweifeln.

Wieso etwa hielt er es zunächst für angebracht, trotz Krisenstimmung in der Belegschaft die Teilnahme an der Mitarbeiterversammlung an diesem Donnerstag abzusagen? Diess verwies auf eine USA-Reise, unter anderem zu Investoren an der Wall Street, die schon länger geplant gewesen sei. Erst auf Cavallos öffentliche Schelte hin (»Dieses Verhalten ist beispiellos in der Geschichte unseres Unternehmens«) knickte er ein.

Offenbar fehlt in der oft beschworenen Wolfsburger Wagenburg das Gespür dafür, welch trauriges Bild der Autobauer bisweilen in der Öffentlichkeit abgibt. Wieder einmal steht Diess’ Posten zur Disposition, und wieder einmal steht die Zukunft des ganzen Konzerns infrage. Ob es diesmal zur endgültigen Eskalation, zum Rauswurf kommt?

Bislang konnte man sich stets auch nach einem weiteren Ereignis die Uhr stellen. Nach wochen- bis monatelangem Ringen einigten sich die Streithähne meist auf einen Kompromiss. Und verkündeten dann öffentlich, wie lieb sie sich alle haben.

Das könnte Sie auch interessieren

Für Energiekonzern
01.12.2024
EU-Plan gescheitert
29.11.2024
ARD-Show "Die 100"
26.11.2024
Abstimmung über neue EU-Kommission
27.11.2024

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

zwei + 3 =

© on-lion.de

Weitere Artikel aus der gleichen Rubrik

Nach Berichten über Menschenrechtsverletzungen in Uiguren-Region
27.11.2024
Thyssenkrupp-Krise
26.11.2024

Neueste Kommentare

Trends

Alle Kategorien

Kategorien