TV-Kritik "Anne Will"

„Keine Frage der Solidarität“ – Linke-Politikerin Wagenknecht will sich nicht impfen lassen

01.11.2021
Lesedauer: 5 Minuten
Eine aktuelle Forsa-Meinungsumfrage zeigt: Wer jetzt noch nicht gegen das Corona-Virus geimpfte ist, wird es wohl auch nicht nachholen. Unterdessen steigen die registrierten Neuinfektionen rasant. Quelle: WELT

„Auch wer geimpft ist, kann andere anstecken“, sagt Linke-Politikerin Sahra Wagenknecht bei „Anne Will“. Die Impfung sei eine individuelle Entscheidung. Sie selbst sei nicht geimpft. Karl Lauterbach konterte mit Zahlen.

Es könnte alles so erfreulich sein: Zum 25. November soll, wie von SPD, FDP und Bündnis 90/Grüne geplant, die im Infektionsschutzgesetz enthaltene „epidemische Notlage von nationaler Tragweite“ auslaufen. Für das Frühjahr des kommenden Jahres wird sogar das Ende aller Maßnahmen in Aussicht gestellt. Den Grund dafür sehen die Ampelparteien im gestiegenen Impfschutz der Bevölkerung und der gesunkenen Gefahr für die öffentliche Gesundheit.

Das Coronavirus aber zeigt sich davon ziemlich unbeeindruckt. Und so wächst gegenwärtig mit den Infektionszahlen auch die Sorge vor überlasteten Intensivstationen und neuerlichen Einschränkungen. Die Unsicherheit ist trotz günstigerer Rahmenbedingungen ähnlich hoch wie im Herbst 2020.

Wenigstens auf einen Effekt ist in dieser Pandemie allerdings Verlass: Steigt die Inzidenz, nimmt die Präsenz Karl Lauterbachs in den Talkshows stark zu. Und so saß der Sozialdemokrat, dem Chancen auf das Amt des Gesundheitsministers attestiert werden, am Sonntagabend selbstverständlich auch in Anne Wills ARD-Gesprächsrunde.

Die Moderatorin hatte zum Thema „Steigende Neuinfektionen, Sorge wegen Impfskepsis – Hilft oder schadet mehr Druck auf Ungeimpfte?“ eingeladen und begrüßte neben dem SPD-Politiker die Linke-Bundestagsabgeordnete Sahra Wagenknecht, den Ersten Parlamentarischen Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion Marco Buschmann sowie die Journalistin Christina Berndt.

Wagenknecht – „Impfung keine Frage der Solidarität“

Als Ungeimpfte, die sich dem recht höflichen, aber spürbaren Druck ihrer Mitdiskutierenden stellen musste, fungierte in der Sendung Wagenknecht. Sie äußerte ähnlich wie der kürzlich ins Zentrum der Impfdiskussion geratene Bayern-Profi Joshua Kimmich Bedenken bezüglich der derzeit verfügbaren Impfstoffe und nannte es ein Problem, dass Ungeimpfte ihre Entscheidung öffentlich begründen müssten.

Außerdem forderte Wagenknecht, man solle das Impfen nicht zu einem „Akt der Solidarität mit anderen aufblasen“. „Wer sich impfen lässt, der schützt in erster Linie sich selbst“, so die Linke-Politikerin, die auch auf die Weigerung der Impfmittelhersteller verwies, für mögliche Langzeitnebenwirkungen ihrer Medikamente zu haften. Die Impfdebatte bezeichnete sie als moralisch aufgeladen und prophezeite, es werde mit diesen Impfstoffen keine Herdenimmunität geben.

Sahra Wagenknecht (Die Linke) in der Talkshow von Anne Will
Sahra Wagenknecht (Die Linke) in der Talkshow von Anne Will
Quelle: NDR/Wolfgang Borrs

Mit solchen Äußerungen erntete Wagenknecht erwartungsgemäß Lauterbachs Widerspruch. Dieser schloss unerwünschte Langzeiterscheinungen kategorisch aus und warf ihr vor, Räuberpistolen zu verbreiten. „Die großen Universitäten sagen alle: Wir können ausschließen, dass es Nebenwirkungen gibt, die wir jetzt nicht kennen“, schilderte der studierte Epidemiologe die Forschungslage.

Auch ergänzte er Fakten zu Wagenknechts These, die Impfung schütze primär die Geimpften selbst. Demnach sei das Risiko sich überhaupt zu infizieren, für Geimpfte in den ersten sechs Monaten geringer – und damit auch die Wahrscheinlichkeit, andere anzustecken. Außerdem seien infizierte Geimpfte im Schnitt nur drei Tage infektiös, Ungeimpfte dagegen sieben Tage, das sei ein signifikanter Unterschied.

Lauterbach – „Die Impfstoffe sind sicher“

Auch Wagenknechts Hinweis auf die Neuartigkeit der mRNA-Impfstoffe wollte der SPD-Gesundheitsexperte nicht gelten lassen. Es seien mit AstraZeneca und Johnson & Johnson auch Vektorimpfstoffe verfügbar, die mit altbekannten und im Rahmen anderer Impfungen bewährten Vektoren operierten. Man dürfe die Menschen nicht verunsichern. „Die Impfstoffe sind sicher“, zeigte sich Lauterbach überzeugt.

Gleichzeitig warnte er in gewohnt deutlicher Manier vor den Gefahren einer Überlastung der Krankenhäuser. „Wir sind absolut am Limit“, sagte der SPD-Politiker mit Blick auf die Lage in großen Städten wie Berlin und Köln. Sein Lösungsvorschlag: Eine konsequente Anwendung der 2G-Regel und eine möglichst schnelle Boosterimpfung für Ältere.

Um Letzteres zu erreichen, sprach sich Lauterbach für eine Wiedereröffnung der Impfzentren aus, da eine Auffrischung der Impfung allein für die über 70-Jährigen in den Arztpraxen sechs bis zehn Wochen in Anspruch nehmen könne.

https://twitter.com/AnneWillTalk/status/1454936473829060610?s=20

Unterstützung für seine Positionen erhielt der Sozialdemokrat von der Journalistin Christina Berndt.

Die Beteiligung der Ungeimpften am Infektionsgeschehen sei einfach höher, legte die Wissenschaftsredakteurin der „Süddeutschen Zeitung“ dar. „Wenn ich alles zusammenwerfe, würde ich nach wie vor sagen: Die Geimpften sind deutlich weniger ansteckend für andere.“ Sich impfen zu lassen, helfe der Gesellschaft in der Summe, schon weil Geimpfte im Durchschnitt weniger schwer erkrankten, lautete Berndts Fazit.

https://twitter.com/AnneWillTalk/status/1454942864589398016?s=20

Berndt – „Infektion bei Weitem gefährlicher als Impfung“

Der Linke-Politikerin Wagenknecht hielt die Autorin eine „völlig verschobene Risikowahrnehmung“ vor. „Bei den Impfungen sehen Sie Gefahren, weil Ihnen das alles nicht geheuer ist, aber diese Infektion, das zeigen doch sämtliche Studien, ist für jede Altersgruppe der Erwachsenen in jedem Fall gefährlicher als die Impfung, und zwar bei Weitem“, erklärte Berndt.

„Frau Wagenknecht ist eine intelligente Akademikerin, die an der öffentlichen Debatte teilnimmt und sich auch beruflich mit diesen Dingen beschäftigt“, befand andererseits FDP-Politiker Buschmann. Er schob aber gleich nach: „Ich glaube, dass sie trotzdem irrt. Ich bin nicht ihrer Meinung.“ Der Liberale sprach sich dafür aus, Impfunwilligen generell mit Verständnis zu begegnen. Beschimpfungen und Stigmatisierungen seien sicher nicht der richtige Weg, auch wenn man nach menschlichem Ermessen sagen könne, „dass diese Sorgen eigentlich unbegründet sind“.

Marco Buschmann verteidigte zudem die Beendigung der „epidemischen Lage von nationaler Tragweite“. Diese sei ein juristisches Konstrukt und nichts Medizinisches, führte der FDP-Abgeordnete aus. „Niemand ruft das Ende der Pandemie aus“, so Buschmann, dessen Äußerungen auf einer Pressekonferenz am vergangenen Mittwoch vielfach gegenteilig gedeutet worden waren. Allerdings sei die mit der Einschätzung verbundene „empfindliche Verschiebung der Gewaltenteilung weg vom Parlament“ in der gegenwärtigen Situation nicht länger gerechtfertigt.

Wer also darauf gehofft hatte, eine baldige Rückkehr zur alten Normalität angekündigt zu bekommen, wurde von allen vier Talkteilnehmern enttäuscht. Ob geimpft oder nicht – der Winter könnte noch für alle ungemütlich werden.

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