"Cry Macho"

Einige Dinge sind durchaus bemerkenswert für das Clint-Eastwood-Universum

21.10.2021
Lesedauer: 4 Minuten
Mike Milo (Clint Eastwood) war einst ein angesehener Rodeo-Star, muss diesen Job aber nach einem schweren Unfall an den Nagel hängen. Seitdem arbeitet er als Pferdezüchter und kommt damit eher schlecht als recht über die Runden. Quelle: Warner Bros.

Auch mit 91 Jahren wirkt Clint Eastwood unermüdlich und unverwüstlich. Sein neuster Kinofilm „Cry Macho“ ist wieder ein Western, aber einer der ungewöhnlichen Art: Seine Gefährten sind ein Teenager – und ein tierischer Titelheld.

Um es von vornherein klarzustellen, bei dem Macho in Clint Eastwoods neustem Film „Cry Macho“ handelt es sich um einen Kampfhahn namens Macho. Das hat folgende Bewandtnis: Mike Milo, ein verbitterter, vereinsamter, versumpfter Ex-Rodeoreiter mit gebrochenen Rückgrat, nimmt von seinem Ex-Chef einen letzten Auftrag an: Er soll in Mexiko-Stadt dessen 14-jährigen Sohn aufspüren, ihn seiner Mutter abspenstig machen und zum Vater nach Texas bringen. In dem liegenden Roman ist Mike Milo Ende Sechzig, Anfang Siebzig. Clint Eastwood ist aber Anfang Neunzig, und er gibt sich auch keinerlei Mühe, das zu verbergen.

Eastwood mit seinem Co-Star Eduardo Minett
Eastwood mit seinem Co-Star Eduardo Minett
Quelle: Claire Folger/Courtesy of Warner Bros. Pictures

Dieser Mike Milo macht sich nun in seinem rostigen Vehikel auf nach Mexiko-Stadt und bewältigt die 1000 Kilometer im Handumdrehen. Er sucht die Mutter Leta auf – eine femme fatale auf einer luxuriösen Hacienda –, die nicht weiß, wo sich ihr wilder Sohn herumtreibt, aber Mike in ihr Lotterbett ziehen möchte. Er entkommt und findet in der Sieben-Millionen-Stadt sofort den verwilderten, misstrauischen Rafa, der mit seinem Macho in Hahnenkämpfen ein paar Pesos verdient. Rafa steigt zu dem Fremden, der ihm Mustangreiten auf der Ranch seines Vaters verspricht, vertrauensvoll ins Auto. Sie fahren los, verfolgt von Letas Leibwächtern (ziemlich doof) und mexikanischen Bundespolizisten (ähnlich unfähig) und freunden sich an.

Es ist, daran führt kein Weg vorbei, im Kern die dutzendfach erzählte Geschichte von dem grummeligen Großvater und dem aufgeweckten Enkel. Das sind in der Regel „Filme für die ganze Familie“ (wie es im Marketingjargon heißt), von denen man sich ein Publikum quer durch die Generationen erwartet, und in der Tat ist es Eastwood wie keinem anderen Star gelungen, sein altes Publikum zu behalten und neues zu gewinnen; seinen größten kommerziellen Erfolg hatte er im Alter von 83 Jahren mit „American Sniper“.

Insofern sucht man in „Cry Macho“ nach einer Meta-Ebene, und man muss auch nicht lange suchen, sie steht ja in Titel. Es geht ums Männlichsein, und Rafa erzählt stolz, wie er das harmlose Hühnertier zu einem blutdurstigen Kampfhahn trainiert habe, doch Mike bremst ihn: Dieser Machismo werde doch auch etwas überschätzt. Es ist, als ob Eastwood durch die Linse seines eigenen Mythos auf seine Filmfigur zurückblicke, aber die reflektive Distanz reicht nicht sehr weit. Er wird umgeben von Frauen, die Eastwoods Tochter oder Enkelin sein könnten und doch von einer Minute auf die andere seinen offenbar unwiderstehlichen Machoismus erliegen, er knockt mit einem rechten Haken einen jungen Strolch aus und sitzt auf einem bockenden Hengst (nie hat man sich inniger gewünscht, Eastwood möge seine Stunts nicht selbst ausführen).

Das Spiel mit Eastwoods Männlichkeitsbegriff ist nicht ernstzunehmen, er befindet sich weit jenseits jeder (westlichen) Debatte, existiert nur noch, weil Eastwood noch existiert. Man kann einige Dinge als bemerkenswert für das Eastwood-Universum registrieren. Man kann zum Beispiel die Handlung von dem Vorgängerfilm „The Mule“ als Entschuldigung bei seiner Tochter Alison interpretieren und „Cry Macho“ als eine solche bei seinen Sohn Kyle und Scott, jeweils für einen Vater, der sich nicht genügend um seine Kinder gekümmert hat. Man hört Mike Milo zu Rafa sagen, da hinter dem Berg liege „die Freiheit“ (sprich: die Vereinigten Staaten), und man sieht ihn selbst umdrehen und nach Mexiko zurückfahren (in seine persönliche Freiheit). Eine hübsche Nachdenklichkeit für den Superpatrioten Eastwood, der hier außerdem noch mit süßen Kindern in Zeichensprache kommuniziert.

Eastwood beim Dreh von „Cry Macho“
Eastwood beim Dreh von „Cry Macho“
Quelle: Claire Folger/Courtesy of Warner Bros. Pictures

Das reicht aber bei weitem nicht für einen interessanten Film. Was vor allem daran liegt, dass dieser Stoff vier Jahrzehnte lang in Hollywood herumgereicht wurde. Eastwood sollte ihn schon spielen, als er 60 war, dann Robert Mitchum, dann Roy Scheider, dann Pierce Brosnan, dann Arnold Schwarzenegger. Alle wären sie in dem richtigen Alter gewesen, in ihren Sechzigern. In „Cry Macho“ wirkt der Stoff immer noch, als sei er für einen viel jüngeren Mann geschrieben. Aber aus dem berühmten lässigen Eastwood-Schlendern ist eben inzwischen ein Staksen geworden, und das muss nicht an Mikes Rückgrat liegen.

Immerhin, eine gewisse Selbstironie wollen wir „Cry Macho“ nicht absprechen. Der entscheidende Kampf wird doch wieder durch Männlichkeit entschieden – jene von Macho.

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