Weil sie Diskriminierung im Fernsehen untersuchte, wird der Medienforscherin Elizabeth Prommer jetzt Rassismus vorgeworfen. Nun erklärt sie, wie diese Verdrehung entstand – und warum sie absurd ist.
Dass es Gegenwind geben könnte, ahnten die Rostocker Professorin Elizabeth Prommer, Direktorin des Instituts für Medienforschung, und ihre beiden Kolleginnen Juliane Wegner und Julia Stüwe wohl schon. Diskussionen über ihr Thema, ihre Forschungsergebnisse und die Methodik – damit war zu rechnen. Aber Rassismusvorwürfe?
Die drei Kommunikationswissenschaftlerinnen hatten Anfang Oktober eine Studie zur audiovisuellen Diversität im deutschen Fernsehen vorgestellt. Kernfrage: Wie gut wird gesellschaftliche Vielfalt im Fernsehen und in deutschen Kinofilmen abgebildet?
Neben der Sichtbarkeit von Frauen in den Produktionen geht es auch um andere Bevölkerungsgruppen. »Erstmals werden für Deutschland die Fernsehinhalte genauer auch nach sexueller Orientierung, ethnischer Herkunft, Migrationshintergrund und Behinderung analysiert«, heißt es in der 23-seitigen Untersuchung.

Die wichtigsten Ergebnisse:
- Im Fernsehen tauchen in prägenden Rollen und Funktionen nur zu 34 Prozent Frauen auf – und zu 66 Prozent Männer. Dies gilt für alle Sendungen, also fiktionale, nicht fiktionale und Informationsformate.
- Während ein Viertel der Bevölkerung (26 Prozent) eine familiäre Migrationsgeschichte hat, trifft das nur auf 11 Prozent der Personen in allen Fernsehprogrammen zu.
- »Behinderung, sexuelle Orientierung, Migrationshintergrund und Zuschreibungen der ethnischen Herkunft sind nicht so vielfältig sichtbar wie in der Bevölkerung verteilt«, heißt es in der Studie. So seien etwa in den fiktionalen TV-Produktionen nur rund zwei Prozent der Protagonistinnen und Protagonisten als homosexuell oder bisexuell lesbar.
- Es gibt jedoch auch positive Entwicklungen, vor allem bei der Sichtbarkeit von Frauen stellen die Autorinnen der Studie fest: »In den fiktionalen Produktionen, die im Jahr 2020 hergestellt wurden, ist das Geschlechterverhältnis nahezu ausgewogen.« Und auch in den Informationssendungen »erklären Männer nicht mehr allein die Welt. Moderation und journalistische Funktionen nähern sich der Parität an«.
Zwei Wochen nach der Veröffentlichung erhob jetzt die »Bild«-Zeitung schwere Vorwürfe gegen die Rostocker Forscherinnen: Die Medienwissenschaftlerinnen hätten »selbst rassistische Kategorien« verwendet. Außerdem werden in dem Artikel Parallelen zwischen der aktuellen Studie und der nationalsozialistischen »Rassenforschung« gezogen.
»Haarsträubend« findet Elizabeth Prommer das und unfair. »Interessant ist, dass diese Vorwürfe ausgerechnet aus einer Ecke kommen, die das Vorhandensein von Rassismus im deutschen Fernsehen sonst eher abstreitet«, sagt die Medienwissenschaftlerin dem SPIEGEL.
»Wer nicht gezählt wird, zählt nicht«
Die »Bild«-Vorwürfe beziehen sich auf das sogenannte Codebuch: eine Anleitung, mit der alle am Projekt beteiligten Hilfskräfte Filme und TV-Programme möglichst nach einheitlichen Kriterien auswerten. Dort werden unter anderem Beispielfotos für Menschen gezeigt, die in der Auswertung etwa als »Schwarz«, »Latinx«, »Indigen/Minderheitenvölker« oder eben »Weiß« kategorisiert wurden.
»In der Studie haben wir Rassismus und Diskriminierungen aufgrund äußerer Zuschreibungen untersucht«, so Prommer. Wer feststellen wolle, wie gut erkennbar Minderheiten im Fernsehen seien, müsse vorher definieren, wie diese Sichtbarkeit sich ausdrücke. »Uns ist dabei bewusst, dass eine Codierung dieser Dimensionen einem potenziellen Vorwurf der Festschreibung von Diskriminierung und Rassismus standhalten muss. So wird allein durch die Operationalisierung ein ›Othering‹ sichtbar«, heißt es dazu in der Studie.
»Unterrepräsentanz oder Unsichtbarkeit kann ich nur durch Zählen festmachen«, so Prommer. »Es gilt der viel zitierte Spruch: ›Wer nicht gezählt wird, zählt nicht.‹« Die Kategorisierung von äußerlichen Merkmalen lehne sich dabei einerseits an die aktuelle internationale Forschung an, andererseits sei das Codebuch ausführlich mit Aktivistinnen und Aktivisten besprochen worden. Mit Material von dpa




