Leipzig

Zwei Hotelmitarbeiter nach Antisemitismus-Vorwurf von Gil Ofarim vorerst beurlaubt

06.10.2021
Lesedauer: 6 Minuten
Der Sänger Gil Ofarim ist Opfer eines antisemitischen Vorfalls in dem Leipziger Hotel geworden. Er sei am Empfang aufgefordert worden, seinen Davidstern einzupacken, so Ofarim. In Solidarität versammelten sich am Abend Hunderte Menschen vor dem Hotel.

Ein Leipziger Hotel soll den jüdischen Musiker Gil Ofarim abgewiesen haben, weil er eine Kette mit Davidstern trug. Zwei Mitarbeiter wurden nun vorerst beurlaubt. Eine erste Reaktion des Hotels war auf Kritik des Zentralrats der Juden gestoßen.

Nach Antisemitismus-Vorwürfen des Musikers Gil Ofarim sind zwei Mitarbeiter eines Leipziger Hotels beurlaubt worden. Dies gelte zunächst für die Dauer der Ermittlungen, sagte eine Sprecherin der Marriott-Gruppe am Mittwochmorgen.

Der Sänger Ofarim hatte dem Westin Hotel in Leipzig schwere Vorwürfe gemacht. In einem Video, das Ofarim am Dienstag auf Instagram veröffentlichte, berichtete er, dass er am Abend zuvor an der Rezeption abgewiesen worden sei, weil er eine Kette mit Davidstern trug. „Ich bin gerade sprachlos“, sagt er, „ich weiß nicht, wie ich‘s sagen soll.“

Ofarim zufolge habe es zunächst wegen Computerproblemen eine lange Schlange vor der Rezeption gegeben. Er habe sich angestellt, aber eine Person nach der anderen sei vorgezogen worden. Nach 15 Minuten sei er schließlich aufgerufen worden und habe gesagt: „Was ist los? Das ist nicht in Ordnung, alle werden vorgezogen.“

Der Hotelmanager, ein „Herr W.“, habe erwidert: „Um die Schlange zu entzerren.“ Aus einer Ecke habe „irgendeiner“ gerufen: „Pack deinen Stern ein!“ Auch Herr W. habe daraufhin gesagt: „Packen Sie Ihren Stern ein.“ Wenn er ihn einpacke, dürfe er einchecken.

Ofarim: „Haben wir denn nichts aus der Vergangenheit gelernt?“

In dem Video, in dem Ofarim immer wieder mit den Tränen kämpft, ist die Kette mit dem Davidstern zu sehen. „Deutschland 2021“, sagt der jüdische Sänger in die Kamera. Im Hintergrund ist das Hotel zu sehen. Über das Video schrieb Ofarim: „Haben wir denn nichts aus der Vergangenheit gelernt?“ Es sei nicht die erste Anfeindung gewesen, „aber irgendwann reicht es“.

Der Davidstern ist eines der bekanntesten Symbole, die mit dem Judentum verbunden werden. Er besteht aus einem Hexagramm, das durch zwei ineinander verwobene gleichschenklige Dreiecke gebildet wird. Obwohl das Hexagramm als jüdisches Zeichen bereits im 7. Jahrhundert vor Christus vorkommt, schmückt der Davidstern erst seit dem Mittelalter Synagogen und seit 1948 die Flagge des Staates Israel. Während des Nationalsozialismus wurde der Davidstern den Juden als Stigma („Judenstern“) aufgezwungen.Anzeigeabout:blank

Olaf Hoppe, Sprecher der Leipziger Polizei, sagte, dass die mutmaßliche Aussage des Hotelangestellten für ihn „klar antisemitisch“ sei. Die Polizei werde Inhalte des Videos an die Staatsanwaltschaft weiterleiten, die eine strafrechtliche Relevanz prüfe. Je nach Ergebnis werde dann weiter ermittelt oder nicht. Wie Hoppe weiter erklärte, war die Polizei bei dem Vorfall nicht vor Ort. Mit Ofarim habe man bislang nicht gesprochen. Die Behörde kenne sein Video und habe es gesichert.

Hunderte demonstrieren vor dem Hotel

Ofarim selbst wollte sich zu dem Vorfall am Dienstag auf dpa-Anfrage zunächst nicht äußern. Sein Management teilte mit, dass er die Vorkommnisse in Leipzig erst einmal verdauen müsse und sichtlich schockiert sei. „Heute wäre der Geburtstag seines Vaters gewesen, deshalb möchte er zu diesem Thema auch erst einmal keine weiteren persönlichen Interviews geben“, hieß es. Der Tag sei generell schon schwer genug für ihn. Man bitte um Nachsicht und Verständnis.

Am Dienstagabend nahmen Hunderte Menschen an einer Solidaritätskundgebung mit Jüdinnen und Juden in Deutschland vor dem Hotel teil, zu der das Bündnis „Leipzig nimmt Platz“ aufgerufen hatte. Die Polizei schätzte die Teilnehmerzahl zunächst auf den „mittleren dreistelligen Bereich“, wie eine Sprecherin sagte.Anzeige

Ein Sprecher des „Westin Leipzig“ sagte, dass man besorgt über den Bericht sei und die Angelegenheit extrem ernst nehme. Das Unternehmen versuche, Ofarim zu kontaktieren, um herauszufinden, was passiert sei. Ziel sei es, alle Gäste und Mitarbeiter unabhängig von ihrer Religion einzubeziehen, zu respektieren und zu unterstützen.

Mitarbeiter laut Medienberichten beurlaubt

Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, kommentierte den Vorfall mit den Worten: „Die antisemitische Anfeindung gegen Gil Ofarim ist erschreckend.“ Es sei zu hoffen, dass das Hotel personelle Konsequenzen ziehe und dass Juden „künftig auf Solidarität treffen“, wenn sie angegriffen würden.

Das „West In Leipzig“ postete später ein Foto, auf dem Mitarbeiter ein großes Banner mit vier Israel-Flaggen und zwei Mondsicheln – Symbol für den Islam – hochhielten. Der Zentralrat kritisierte diese Reaktion: „Was soll dieser Banner, West In? Eine angemessene Reaktion sieht anders aus!“.

Der stellvertretende SPD-Chef Kevin Kühnert wandte sich auf Twitter direkt an das Hotel: „Ich glaube, hier wäre Kommunikation notwendig und angemessen. Geht ihr den Vorwürfen nach?“ CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak sprach Ofarim via Twitter ebenfalls seine Solidarität aus.

Auch der FDP-Bundestagsabgeordnete Frank Müller-Rosentritt forderte das Hotel auf, „den Fall restlos aufzuklären und entsprechende Konsequenzen zu ziehen“. Die Anfeindung zeige, dass Sonntagsreden „einfach nicht ausreichen“. Juden müssten ohne Angst vor Diskriminierung und Gewalt jüdische Symbole tragen können. „Vorfälle wie dieser sorgen wahrscheinlich eher dafür, dass Jüdinnen und Juden zwei Mal überlegen, ob sie das tun.“

Antidiskriminierungsstelle des Bundes sieht Gesetzesverstoß

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes kritisierte den „unfassbaren Fall von Antisemitismus“ und sprach von einem Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). „Eine rasche Antwort des Hotels ist überfällig. Aus unserer Sicht kann das nicht folgenlos bleiben“, schrieb die Bundesstelle auf Twitter.

Auch sächsische Politiker äußerten sich. Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) hofft darauf, dass der Musiker Anzeige erstattet, damit man den Vorgang polizeilich untersuchen könne. „Sachsen ist ein weltoffenes Land“, betonte Wöller.

Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) schrieb bei Twitter, es mache ihn wütend, was Ofarim widerfahren sei. Er spreche für die übergroße Mehrheit der Menschen in Sachsen, wenn er sich stellvertretend für die antisemitische Demütigung entschuldige. „Wir haben noch viel zu tun in Sachsen!“ Auch Umweltminister Wolfram Günther (Grüne) zeigte sich bei Twitter bestürzt. „Antisemitismus darf keinen Platz haben. Nicht offen, nicht verdeckt. Nicht in Sachsen, nicht in Deutschland, nirgendwo.“

„Unfassbarer Fall von Antisemitismus“

Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) schrieb bei Twitter, dass Ofarim am Montagabend Gast einer Aufzeichnung im Auftrag des MDR gewesen sei. Was er anschließend aus dem Hotel schildere, sei zutiefst beschämend.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes sprach von einem „unfassbaren Fall von Antisemitismus“ und einem Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). „Eine rasche Antwort des Hotels ist überfällig. Aus unserer Sicht kann das nicht folgenlos bleiben“, schrieb die Bundesstelle auf Twitter.

Die Vorsitzende des Förderkreises Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Lea Rosh, sagte laut Mitteilung, dass dem Musiker die uneingeschränkte Solidarität des Vereins gelte. „Juden waren in Deutschland schon mal in Hotels unerwünscht. Das war 1933. Wir fordern eine lückenlose Aufklärung und personelle Konsequenzen.“

„Sachsen ist ein weltoffenes Land“

Auch sächsische Politikerinnen und Politiker äußerten sich. Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) hofft darauf, dass der Musiker Anzeige erstattet, damit man den Vorgang polizeilich untersuchen könne. „Sachsen ist ein weltoffenes Land“, betonte Wöller.

Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) schrieb bei Twitter, es mache ihn wütend, was Ofarim widerfahren sei. Er spreche für die übergroße Mehrheit der Menschen in Sachsen, wenn er sich stellvertretend für die antisemitische Demütigung entschuldige. „Wir haben noch viel zu tun in Sachsen!“ Auch Umweltminister Wolfram Günther (Grüne) zeigte sich bei Twitter bestürzt. „Antisemitismus darf keinen Platz haben. Nicht offen, nicht verdeckt. Nicht in Sachsen, nicht in Deutschland, nirgendwo.“

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