Neue Risikokarte nach Flutkatastrophe

Fast alle zerstörten Häuser im Ahrtal dürfen aufgebaut werden

01.10.2021
Lesedauer: 3 Minuten
Hochwasserschäden in Rech in Rheinland-Pfalz: »Trauer und Leid noch ganz gegenwärtig« Foto: Thomas Frey / dpa

Im Ahrtal hinterließ die Flut eine Schneise der Zerstörung. Auf einer Zukunftskonferenz hat das Land nun Pläne vorgestellt, was wieder aufgebaut werden darf. Ausgeschlossen ist auch nach dem Hochwasser nur wenig.

Wenn sich am Nachmittag im rheinland-pfälzischen Landtag der Untersuchungsausschuss zur Flut im Ahrtal konstituiert, sind einige wichtige Richtungsentscheidungen nach dem Hochwasser bereits gefallen. Nach der tödlichen Katastrophe im Juli dürfen laut der Landesregierung nämlich nur relativ wenige zerstörte Häuser wegen Hochwassergefahr nicht mehr aufgebaut werden.

Mit Blick auf eine neue Risikokarte sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer bei einer sogenannten Zukunftskonferenz am Donnerstagabend in Grafschaft hoch über der Ahr: Die »allermeisten Hausbesitzer und Hausbesitzerinnen« könnten an Ort und Stelle sanieren. »Es gibt nur verhältnismäßig wenige zerstörte Häuser, die im besonderen Gefahrenbereich des Überschwemmungsgebiets liegen und an altem Ort nicht wiederaufgebaut werden können«, ergänzte die SPD-Politikerin. Dem Sender SWR zufolge gibt es nur 34 zerstörte oder beschädigte Häuser, die im Ahrtal nicht mehr an Ort und Stelle neu errichtet werden dürfen.

Wissenschaftler hatten zuletzt davor gewarnt, die betroffenen Häuser einfach nur wiederaufzubauen. Sie forderten auch Gelder für die Anpassung an künftige Extremwetter. Sie setzen sich für ein bundesweites Klimaanpassungsprogramm ein. Greenpeace indes warnte diese Woche vor Kahlschlägen und Monokulturen in den Wäldern von Mittelgebirgen, da diese Hänge bei Starkregen weniger stabil seien.

Tausende Anträge auf Staatshilfe gestellt

Der Koblenzer Professor Lothar Kirschbauer, Experte für Siedlungswasserwirtschaft, sagte, wegen des Klimawandels sei mit mehr Extremwetter zu rechnen. In den Mittelgebirgen könne es daher häufiger zu Hochwasser und Sturzfluten, aber auch zu Niedrigwasser und Dürren kommen. Bei der Flutkatastrophe nach extremem Starkregen waren am 14. und 15. Juli in dem Flusstal 133 Menschen getötet, Hunderte Anwohner verletzt und Tausende Häuser beschädigt oder zerstört worden.

Nach Worten Dreyers wurde mit diesen besonders betroffenen Hauseigentümern bereits vor der Veröffentlichung der Risikokarte das Gespräch gesucht, um einen neuen Bauplatz oder andere individuelle Lösungen zu finden. Von diesem Montag an gebe es in den Orten Einwohnerversammlungen zum Wiederaufbau von beschädigten oder zerstörten Gebäuden. Bürger könnten sich zusätzlich bei 16 sogenannten Infopoints im Ahrtal etwa von Architekten zur Trocknung von flutgeschädigten Häusern oder zum hochwasserangepassten Bauen individuell beraten lassen.

Zu dem 30 Milliarden Euro schweren Wiederaufbaufonds von Bund und Ländern, wovon gut die Hälfte nach Rheinland-Pfalz fließen soll, sind seit vergangenem Montag für Dreyers Bundesland bereits 5032 Anträge eingegangen. Die meisten bezögen sich auf Schadensersatz für verlorenen Hausrat. Der Wiederaufbau von Privathäusern kann mit bis zu 80 Prozent der Kosten gefördert werden, in Härtefällen mit bis zu 100 Prozent.

Dreyer sagte, sie vergesse nicht, »dass Trauer und Leid noch ganz gegenwärtig sind«. Noch in diesem Jahr solle daher in Bad Neuenahr-Ahrweiler ein Traumatherapiezentrum seine Arbeit aufnehmen »und als geschützter Ort der Begegnung und Heilung niederschwellig innerhalb kurzer Zeit psychotherapeutische Hilfe vermitteln«. Wichtig sei auch die Entwicklung eines Hochwasservorsorgekonzepts für das gesamte Ahrtal, das auch den nordrhein-westfälischen Teil des Flusses einbeziehe: »Denn das Hochwasser hält sich nicht an Landesgrenzen.«

Im Anschluss an die erste Untersuchungsausschusssitzung will der Vorsitzende Martin Haller am Abend über die Inhalte berichten. Es ist der erste Untersuchungsausschuss in Rheinland-Pfalz seit elf Jahren. Der Landtag hatte die Einsetzung vergangene Woche zur Aufarbeitung der Katastrophe beschlossen. apr/dpa/AFP

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