Kita und Schule

Berliner Eltern schreiben Brandbrief an Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci

06.09.2021
Lesedauer: 4 Minuten
Imago/Ritter - Ein leeres Klassenzimmer in Berlin: Derzeit gibt es gut 1000 positiv getestete Schüler, knapp 4000 sind in Quarantäne.

Das Netzwerk Critical Ma’s hat einen offenen Brief mit mehr als 3100 Unterstützern an Senatorin Kalayci formuliert. Sie halten Corona-Maßnahmen für überzogen.

Berlin – Die Mühlen der Bürokratie malen bekanntlich langsam, aber es innerhalb von mehr als einer Woche nicht zu schaffen, den Empfang einer E-Mail zu bestätigen, ist selbst für einen Verwaltungsapparat in Berlin sehr träge. Am 27. August hat sich das Netzwerk Critical Ma’s in einer E-Mail an Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci gewandt. In einem offenen Brief erbaten Eltern von der SPD-Politikerin Antworten zu Fragen ums Impfen von Schülern gegen Corona. Kalayci hatte Heranwachsende zwischen zwölf und 17 Jahren gezielt angeschrieben und zu solchen Impfungen ermuntert.

„Zeigen Sie uns Expertisen, präsentieren Sie uns Wissenschaftler, die uns verständliche, verlässliche und vor allem aktuelle Informationen geben“, heißt es in dem Brief, „melden Sie sich selbst zu Wort und versichern Sie uns, dass Sie die volle politische Verantwortung für mögliche Schäden an der Gesundheit unserer Kinder übernehmen.“ Mehr als 3100 Berlinerinnen und Berliner haben sich diesem Aufruf per Unterschrift inzwischen angeschlossen. Doch Critical Ma’s ist offenbar keine kritische Masse in den Augen der Gesundheitsverwaltung.

Die Übergabe der Unterschriften jedenfalls gestaltet sich angesichts der kommunikativen Blockade mehr als schwierig, von einem Dialog der Eltern mit der Senatorin oder zumindest mit einem ihrer hochrangigen Beamten ganz zu schweigen. Dennoch will Critical Ma’s bis zu den Wahlen des Abgeordnetenhauses am 26. September zufriedenstellende Auskünfte erhalten, weil durch die Regierungsbildung danach weitere wertvolle Zeit verstreicht.

Sandra Reuse hat das Netzwerk im Mai 2020 mitinitiiert, ebenso jetzt den offenen Brief zur umstrittenen Impfaufforderung Kalaycis von Mitte August und weiteren „rigiden Maßnahmen“. Die Wissenschaftsjournalistin hat etliche Studien gelesen. „Alle diese Untersuchungen belegen, dass Kinder zu den am wenigsten gefährdeten Bevölkerungsgruppen zählen“, sagt Reuse.

Corona: Critical Ma’s gegen Beschränkungen in Kita und Schule

Critical Ma’s, die kritischen Mütter, sie wollen möglichst viele Menschen aus dem privaten und professionellen Umfeld von Kindern erreichen, eine kritische Masse herstellen, „um uns für eine gute Gegenwart und Zukunft unserer Kinder und ganz ausdrücklich auch unserer Gesellschaft einzusetzen“, wie es auf der Homepage heißt. Das lose Interessenbündnis hat während der Pandemie schon einige Initiativen gestartet, sie waren unter anderem an die Kulturministerkonferenz adressiert; auch ging zuvor bereits an Kalaycis Verwaltung eine Unterschriftensammlung, die sich gegen Restriktionen in Kindergärten und Schulen richtete.

In der Impfkampagne des Senats sieht Critical Ma’s für eine „untaugliche, ja schädliche Politik“, wie Reuse sagt: „Kinder werden mit den schärfsten, lebensfeindlichen Maßnahmen belastet, während anderswo in der Stadt Massenversammlungen stattfinden dürfen“. Bewegungsarmut, Lethargie, Vereinsamung, Depressionen oder Suchterkrankungen bei Kindern und Jugendlichen – die langfristigen Folgen der Einschränkungen seien noch nicht abzusehen.     

Sie vermissen eine wissenschaftlich fundierte Risikoabwägung, die Aktivisten von Critical Ma’s. „Im Anschreiben an die Schüler fehlte der Hinweis, dass es sich um einen völlig neue Form von Impfstoff handelt“, sagt Sandra Reuse über die verabreichten mRNA-Vakzine. „Es kann ja noch keine Erkenntnisse über Langzeitfolgen geben.“

Die Ständige Impfkommission (Stiko) beim Robert-Koch-Institut hatte sich lange einer Freigabe der mRNA-Impfstoffe ab zwölf Jahren verweigert. Es fehle die nötige Evidenz, sagte ihr Chef Thomas Mertens noch im Juni. Politiker von Bund und Ländern übten jedoch massiven Druck auf das Expertengremium aus. Das passte schließlich – und nachdem fundierte internationale Daten vorlagen – seine Empfehlung an. „Die Stiko spricht sich jedoch explizit dagegen aus, dass der Zugang von Kindern und Jugendlichen zur Teilhabe an Bildung, Kultur und anderen Aktivitäten des sozialen Lebens vom Vorliegen einer Impfung abhängig gemacht wird.“ Immerhin, dieses Ausrufezeichen behielt sich die Kommission vor.

Quarantäne zum Schutz umstritten

Eine andere Debatte um Kinder und Corona könnte Critical Ma’s weiteren Zulauf bescheren: die Diskussion um den Sinn verhängter Quarantänen. Reinickendorfs Amtsarzt Patrick Larscheid sagte der Berliner Zeitung, die behördlich verordnete Isolation richte „langfristige Schäden bei den Kindern an, weil diese ihre Schutzräume wie Schule und Kita brauchen“. Darüber seien sich alle Kinderärzte mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) einig.

Ungeachtet dessen gilt eine – wenn auch abgeschwächte – Quarantänepflicht. Sandra Reuse sagt: „Die Gesundheitsverwaltung bleibt auch in diesem Punkt einen wissenschaftlichen Beleg schuldig.“

Critical Ma’s bleibt vorerst nur, weiter zu warten: auf eine Reaktion, auf einen Termin. Dilek Kalayci ist am Zug: „Sie muss uns ja nicht selbst empfangen“, sagt Sandra Reuse. „Aber wir wollen die mehr als 3100 Unterschriften ja nicht online versenden. Vor allem wollen wir Antworten auf unsere Fragen!“

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