Flughafen von Kundus gefallen

Taliban erobern Ex-Bundeswehr-Standort

11.08.2021
Lesedauer: 3 Minuten
Diese Schranke zum Flughafen haben die afghanischen Soldaten bei ihrem überstürzten Abzug offen stehen lassen Foto: privat

++ Soldaten der afghanischen Armee kapitulieren zu Hunderten ++ Ex-Bundeswehrlager in Sichtweite der Islamisten ++ Taliban erobern nächste Provinzhauptstadt ++

Neue schockierende Bilder aus Kundus im Norden Afghanistans. Der Stadt, die wie keine andere für das Scheitern des 19 Jahre andauernden deutschen Einsatzes am Hindukusch steht.

Drei Tage nach der Einnahme der Stadt Kundus mit seinen etwa 350 000 Einwohnern, haben die Taliban am Mittwoch auch den nahegelegenen Militärflughafen der Stadt erobert bzw. kampflos übernommen.

Fotos und Videos zeigten Taliban-Kämpfer, die sich in den Militärbaracken und auf dem Rollfeld der riesigen Anlage frei bewegten. Dabei sichteten sie einen vor einigen Jahren aus Indien importierten Kampfhubschrauber vom Typ Mi-35 und machten sich von verwaisten Wachtürmen ein Bild des Flughafens und seiner Verteidigungsanlagen.

Ein Taliban-Kämpfer fährt auf seinem Motorrad an einem auf dem Vorfeld abgestellten Kampfhubschrauber der afghanischen Luftwaffe vorbei
Ein Taliban-Kämpfer fährt auf seinem Motorrad an einem auf dem Vorfeld abgestellten Kampfhubschrauber der afghanischen Luftwaffe vorbei Foto: privat

Zuvor hatten mehrere Hundert afghanische Soldaten und Polizisten mit ihren Fahrzeugen die Militäranlagen am Flughafen in Richtung Westen verlassen. Dabei standen unzählige Taliban und Zivilisten Spalier, während ein Humvee nach dem anderen den Militärstützpunkt am Flughafen verließ.

Einige der Soldaten wurden von Taliban-Propagandisten interviewt und schüttelten sogar die Hände der Islamisten, als sie kampflos kapitulierten, anstatt den Taliban Widerstand zu leisten.

Das Taliban-Video zeigt die abrückenden afghanischen Soldaten in ihren amerikanischen Militärfahrzeugen.

Unklar ist, ob afghanische Einheiten noch „Camp Pamir“ kontrollieren – das Lager der Bundeswehr, in dem deutsche Soldaten zwischen 2003 und 2020 stationiert waren und das auch Kanzlerin Merkel besuchte.

Das Lager befindet sich zwei Kilometer südlich des Flughafens und wurde vollkommen intakt im vergangenen November von der Bundeswehr an die afghanische Armee übergeben.

Taliban rücken überall vor

Am Mittwoch übernahmen die Aufständischen nach heftigen Kämpfen die Stadt Faisabad, wie ein Vertreter der an Pakistan, China und Tadschikistan grenzenden Provinz Badachschan mitteilte.

Faisabad ist innerhalb von sechs Tagen bereits die achte Provinzhauptstadt, die dem Ansturm der Taliban nicht standhalten konnte. Nach stundenlangen Gefechten hätten sich die afghanischen Sicherheitskräfte „leider zurückgezogen“, sagte Dschawad Mudschadidi, der im Provinzrat von Badachschan sitzt.

Auch die Stadt Pol-e Chomri in der Provinz Baghlan fiel nach einem Tag vereinzelter Gefechte an die Taliban. Pol-e Chomri ist eine moderne Stadt mit zahlreichen Hochhäusern, die mit ihren 120 000 Einwohnern entlang der Autobahn auf halbem Weg zwischen Masar-e Scharif und Kabul liegt. Die beiden Metropolen sind damit nun voneinander abgeschnitten.

► Mittlerweile kontrollieren die Taliban auch die Grenzen im Norden des Landes: Demnach haben die Islamisten die Kontrolle der Grenzen zu Tadschikistan und Usbekistan übernommen. Die Taliban hätten versprochen, die Grenzen nicht zu überschreiten, zitierte die Zeitung „Kommersant“ am Mittwoch Verteidigungsminister Sergej Schoigu.

Am Mittwoch wurde bekannt: Deutschland schiebt vorerst keine Menschen mehr nach Afghanistan ab. „Der Bundesinnenminister hat aufgrund der aktuellen Entwicklungen der Sicherheitslage entschieden, Abschiebungen nach Afghanistan zunächst auszusetzen“, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums am Mittwoch der dpa.

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