Christiane H., Johanna H. und Steffi W. wurden in Würzburg getötet. Weil ihr Tod auch eine politische Bedeutung hat, sollten Behörden, Politik und Medien an sie erinnern – mit Namen, Fotos und Informationen zum Leben der Ermordeten.
„Alles ist seit Freitag anders“, sagte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Sonntag während der Gedenkfeier für die Opfer des Anschlags in Würzburg. Ein 24-jähriger Somalier hatte zuvor drei Frauen getötet und weitere schwer verletzt, neben einer psychischen Erkrankung sprechen mehrere deutliche Hinweise für einen islamistischen und frauenfeindlichen Hintergrund.
Söders Satz trifft in dieser Allgemeinheit nur auf eine Gruppe zu: die Familien und Freunde der Ermordeten. Sie müssen damit umgehen, dass ihre Liebsten plötzlich aus dem Leben gerissen wurden. Die grobe Ungerechtigkeit, dass das Leben ohne sie weitergehen wird, müssen sie allein bewältigen. Wie schwer das ist, weiß jeder, der schon einmal unerwartet einen geliebten Menschen verloren hat.
Es ist menschlich und in Ordnung, dass für den Rest nicht „alles anders“ ist. Doch um sein Bewusstsein dafür schärfen zu können, dass es Menschen und nicht Zahlen sind, die ermordet wurden, wäre es dringend notwendig, die Namen und Geschichten der Opfer zu erzählen. Sie hatten Träume, Ziele und Fantasien, die nun für immer unerfüllt bleiben. Wenn die Hinterbliebenen es wünschen, sollten die zuständigen Behörden die vollständigen Namen der Opfer nennen, und Medien sollten ihre Fotos zeigen.
Nach dem rechtsextremen Terroranschlag in Hanau im vergangenen Jahr war es einer antirassistischen Initiative aus dem Umfeld der Opferfamilien zu verdanken, dass die Namen und Gesichter auf den Straßen vieler Großstädte präsent waren. Später nannten auch hochrangige Politiker die Namen der Toten. Weil Anschläge eine politische Bedeutung haben, sollte es nicht die Aufgabe der Hinterbliebenen bleiben, angemessen an die Opfer zu erinnern.
Zum Terrorverdacht gibt es in Würzburg noch keine gesicherten Erkenntnisse, die Ermittler sprechen von einem naheliegenden islamistischen Hintergrund. Was den Umgang mit Überlebenden des Terrorismus angeht, haben die deutschen Behörden in den vergangenen Jahren viele Fehler gemacht.
Bei der rechtsextremen Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) wurden in mehreren Fällen fälschlicherweise Angehörige der Todesopfer verdächtigt. Und nach dem islamistischen Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz musste sich die Kanzlerin in einem Offenen Brief der Angehörigen ein Jahr später bitten lassen, diesen zu kondolieren.
Während man etwa auf der Homepage des israelischen Außenministeriums Namen, Fotos und Informationen zum Leben aller israelischen Todesopfer von palästinensischem Terrorismus findet, stellt die deutsche Bundesregierung solche Angaben bislang nicht bereit. Auf der Trauerfeier in Würzburg wurden nicht einmal die Vornamen der Opfer genannt.
Noch ist nicht viel über die toten Frauen bekannt. „Bild“ berichtet von einer 1972 geborenen Lehrerin aus Brasilien, die erst Anfang des Jahres nach Deutschland eingewandert war und ermordet wurde, als sie das Leben ihrer elfjährigen Tochter rettete; von einer 1939 geborenen Rentnerin, die den Angreifer von dem Kind ablenkte und dann selbst erstochen wurde; und von einer 1996 Geborenen, die gerade ein Kleid für die Hochzeit ihrer besten Freundin kaufen wollte. Ihre Namen sollten wir nicht vergessen:
Christiane H., mit 49 Jahren ermordet.
Johanna H., mit 82 Jahren ermordet.
Steffi W., mit 24 Jahren ermordet.



