Der Superstar der Szene ist zwar schon 36 Jahre alt. Doch das hindert Cristiano Ronaldo nicht daran, einen Rekord nach dem nächsten zu brechen. Für die deutsche Auswahl, gegen die er noch nie traf, ist das ein alarmierendes Signal.
Cristiano Ronaldo hat nicht lange gebraucht, um die Trends dieser EM zu setzen. Indem er bei einer Pressekonferenz vor dem Auftaktmatch der Portugiesen gegen Ungarn die Cola-Flaschen beiseite schob („Wasser!“), erreichte er mehr als die bestgemeinte Anti-Zucker-Kampagne der weltweiten Gesundheitsämter. Der Aktienkurs von Coca-Cola an der Wall Street fiel nach dem Medientalk um 1,6 Prozent.
Ronaldo ist mit über 500 Millionen Fans in den sozialen Netzwerken nicht umsonst der populärste Mensch des Planeten. Seine Geste machte sofort Schule. Frankreichs Paul Pogba, ausgezeichnet zum Mann des Spiels gegen Deutschland, ließ das süße Zeug zwar stehen, entfernte dafür aber die Bierflasche der Brauerei, die diesen Partikularpreis präsentiert. CR scheint en passant eine Spielerrevolution gegen die im internationalen Sport so mächtigen Sponsoren angezettelt zu haben.
Doch auch bezüglich seines eigentlichen Reisegrundes konnte er sich gleich wieder profilieren. Zwei Tore bei Portugals 3:0 in Budapest – eines per Elfmeter, eines mit prächtiger Körpertäuschung – sicherten nicht nur einen „Todesgruppen“-Auftaktsieg, der bis zum 1:0 von Raphael Guerreiro sieben Minuten vor Schluss keineswegs feststand.


Sie ließen auch die nächsten dieser Rekorde purzeln, mit denen es Ronaldo ja schon immer so hat. Avancierte er bereits mit Anpfiff zum ersten Spieler mit fünf EM-Teilnahmen und den meisten Partien bei EM oder WM (vor Bastian Schweinsteiger), ist er jetzt auch der erste Spieler mit Treffern bei fünf EM-Turnieren und der mit den meisten gewonnenen EM-Spielen. Außerdem: Rekordtorschütze, wie schon im anderen europäischen Premiumwettbewerb, der Champions League.
Ruhig war es nie um Cristiano Ronaldo
So erstaunlich wie diese Zahlen und das Colaflaschen-Handling war in Budapest aber auch, dass er überhaupt zur Pressekonferenz erschien. Jahrelang hatte er diese Termine immer gemieden, weil es immer (zu) unangenehme Themen gab. Steuersachen, der Vergewaltigungsvorwurf, im See versenkte Reportermikrofone oder einfach nur Wechselgerüchte: Ruhig war es nie, und bei Ronaldo sind auch Skandale noch größer.
Mittlerweile haben sich nicht alle Themen erledigt, über einen möglichen Transfer wird sogar eifrig diskutiert, weil bei Juventus Turin offenbar nicht mehr alle glücklich mit ihm sind. Dennoch stellte sich Ronaldo, gelassen erklärt er, als Teenager hätte ihm seine offene Zukunft vielleicht schlaflose Nächte bereit. Jetzt aber zucke er da nicht mal mehr.Anzeige
Mit 36 und vier Kindern kann er immer noch der alte Ronaldo sein und etwa besonders triumphal seine Treffer bejubeln, wenn er – wie während der Partie in Orban-Country laut Presseberichten geschehen – von wieder vollen Rängen mit schwulenfeindlichen Schmähungen überzogen wird.
Andererseits präsentiert er sich auf seine älteren Tage mittlerweile doch als gereifter Elder Statesman, der sich dem nicht mehr allzu fernen Ende bewusst scheint – auch wenn ihn viele erst zu vermissen lernen werden, wenn er wirklich nicht mehr da sein wird. Seine letzte EM ist insofern auch ein Moment für antizipierte Melancholie; dafür, ihn noch einmal zu genießen.


Quelle: AFP
Für Deutschland gilt das sogar ganz besonders. Klingt seltsam, schon klar. Aber für die heimischen Turnierinteressen ist seine fortgesetzte Teilnahme eine exzellente Nachricht: jedenfalls unter historischen Gesichtspunkten.
Bei der letzten EM vor Ronaldo erlebte Deutschland eines der schlimmsten Debakel seiner Fußballgeschichte. Das Team von Erich Ribbeck unterlag 2000 einer B-Elf der bereits qualifizierten Portugiesen durch drei Tore von Sérgio Conçeicão mit 0:3. Seit Ronaldo kickt, gab es dagegen nur Erfolge. Sieg im Spiel um den dritten Platz bei der WM 2006; Sieg im EM-Viertelfinale 2008; Sieg im Auftaktspiel der EM 2012; Sieg im Auftaktspiel der WM 2014, ein 4:0 bedeutete damals das Fanal für die glücklichsten Wochen in der fünfzehnjährigen Amtszeit von Joachim Löw.
Gutes Team
Der Bundestrainer galt zu jener Zeit sogar als ausgewiesener Spezialist der CR7-Neutralisierung. Denn dem fünffachen Weltfußballer und Rekordschützen des modernen Spiels (780 Tore) gelang in diesen vier Begegnungen nicht mal ein Tor.
Allerdings hatte Portugal da auch nicht immer eine so ausgeglichen hochkarätige Auswahl aufzubieten wie jetzt. Die Innenverteidigung mit dem alten Haudegen Pepe und Rubén Dias, englischer Spieler des Jahres laut dortiger Fußballjournaille, hielt auch den enorm physischen Attacken der Ungarn stand, links hinten scheint Guerreiro wie beim Titel 2016 in Glanzform, allenfalls dem eher muskellastigen Mittelfeld fehlt bisweilen etwas Spielkunst, die von der Offensivreihe dafür umso zuverlässiger angeboten wird.
Bruno Fernandes, Bernardo Silva und Diogo Jota sind etablierte Stars der Premier League, für einen wie João Felix, kriselndes 127-Millionen-Euro-Wunderkind, blieb da in Budapest keine einzige Spielminute übrig. Europameister-Trainer Fernando Santos brachte zwanzig Minuten vor Schluss lieber Rafa von Benfica Lissabon und bewies damit einmal mehr die Fortune des Strategen. Der Neue verlor zwar erst viele Bälle, war dann aber an der Entstehung aller drei Tore beteiligt.
Zwei davon gehörten Ronaldo, der alles hat und noch viel mehr. Nur ein Tor gegen Deutschland, das fehlt noch.





