Russland in der Corona-Krise

Als hätte es Corona nie gegeben

18.05.2021
Lesedauer: 7 Minuten
Anfang Mai am Roten Platz im Moskau. © Andrey Rudakov/​Bloomberg/​Getty Images

Obwohl täglich Hunderte an Covid-19 sterben, geht das öffentliche Leben in Russland zur Normalität über. Die Impfzentren sind gut ausgestattet, aber es kommt kaum jemand.

Wer bis in die fünfte Etage des Petersburger Newsky-Center durchdringt, muss vorbei an proppenvollen Kosmetikläden, Modegeschäften und einem Delikatessensupermarkt. Schon am Nachmittag ist das Kaufhaus an der Prachtpromenade Newski-Prospekt gut besucht. Das oberste Stockwerk dagegen wirkt  wie eine kleine Oase der Ruhe. In einem Raum mit weißen Wänden, zwischen einem Bettengeschäft und einem Kaffeehaus, summt leise eine Klimaanlage.

Krankenpflegerin Natalija empfängt die Besucher an einem Tresen. „Wenn Sie sich heute noch impfen lassen wollen, dann müssen Sie sich einfach bei mir registrieren. Jetzt haben wir eine Wartezeit von 15 Minuten“, sagt sie. Aber auch für den nächsten Tag seien die Termine fast alle frei. Die Prozedur dauere samt Check-up und kurzer Wartezeit nach der Spritze maximal eine Stunde.

Natalija ist Mitarbeiterin der Petersburger Privatklinik Lachta, die eines der vier städtischen Impfzentren in Kaufhäusern betreibt. Die Idee der Klinikleitung: Städtische Krankenhäuser sollten zum Start der Impfkampagne im Frühjahr entlastet werden mit schnellen, kostenlosen und unbürokratischen Impfungen für alle. Das Impfzentrum im Newsky-Center sei bestens ausgestattet mit eigener Kühlkammer für Sputnik V und auch mit professionellem Personal, sagen die Betreiber. Auch der Impfstoff selbst sei ausreichend vorhanden. Das Einzige, was fehlt, sind die Impfwilligen. Im Wartesaal des Impfzentrums haben gerade einmal drei Menschen Platz genommen. Auch in der nächsten halben Stunde kommen nur fünf Männer und Frauen, die sich für die Impfung eintragen lassen wollen.

Die russische Impfkampagne ist schwer ins Stocken geraten. Während es im Frühjahr vor allem am Impfstoff mangelte und viele Regionen fernab der Metropolen Moskau und Sankt-Petersburg wochenlang auf Lieferungen warten mussten, haben es die Russen und Russinnen nun nicht allzu eilig.

Die Zahl der Impfwilligen ist von 40 auf 26 Prozent gesunken

Allein in Sankt-Petersburg lagen die täglichen Impfzahlen auf dem Höhepunkt vor einem Monat bei knapp 8.000. Anfang Mai sind sie auf durchschnittliche 3.000 zurückgegangen. In der Hauptstadt Moskau, wo sich einst Schlangen vor den Impfzentren bildeten, liegt der Anteil jener, die mindestens eine Dosis des Impfstoffs erhalten haben, bei gerade einmal 10,2 Prozent. Eine offizielle Impfstatistik für ganz Russland gibt es nicht. Journalisten des Portals Gogov.ru, die die Meldungen aus den einzelnen Regionen zusammentragen, kommen jedoch derzeit landesweit auf etwa 170.000 Erstimpfungen am Tag. Das würde bedeuten, dass es bis zum Sommer 2022 dauern würde, bis wenigstens die Hälfte der Menschen in Russland geimpft sind.

Das war nicht immer so. Noch im April sah es so aus, als würde die Impfkampagne in Russland endlich Fahrt aufnehmen. Elwira Latipowa hat gerade ihre erste Impfung beim privaten Impfstand im Nevsky-Center hinter sich. „Ich war im April dreimal hier und jedes Mal hätte ich in der Schlange warten müssen und dafür hatte ich keine Zeit“, erklärt die Mittvierzigerin. Diesmal ging alles innerhalb von 40 Minuten. „Ich bin spontan vorbeigekommen und war direkt dran“, sagt die Russin.

Die sinkende Impflust der Russinnen haben jüngst auch unabhängige Meinungsforscher festgestellt. Seit vergangenen August in Russland der erste Impfstoff Sputnik V registriert wurde, fragt das private Levada-Institut regelmäßig nach der Bereitschaft im Land, sich immunisieren zu lassen. Demnach erreicht die Anzahl jener, die sich nicht mit Sputnik V impfen lassen würden, aktuell mit 62 Prozent den höchsten Wert. Zehn Prozent sagen, dass sie die Impfung bereits hinter sich haben, was sich in etwa mit den offiziellen Meldungen zu den bereits verabreichten Impfdosen deckt. Die Zahl jener, die sich aktuell noch impfen lassen wollen, ist im Vergleich zum Dezember 2020 von knapp 40 Prozent auf 26 Prozent gesunken.

„Das hat weniger mit dem Misstrauen gegenüber dem russischen Impfstoff zu tun“, erklärt Denis Wolkow, stellvertretender Direktor des Levada-Instituts. „Stattdessen haben die Menschen die Angst vor Corona verloren.“ Das belegen auch die jüngsten Levada-Zahlen. Vergangenen Oktober hatten nur gut 30 Prozent der Befragten keine Angst sich anzustecken. Dieser Wert ist seit dem auf 56 Prozent gestiegen. „Bei Tiefeninterviews stellen wir fest, dass es viele Menschen gibt, die darauf hoffen, dass die Corona-Pandemie von allein weggeht. Viele sehen, dass es kaum noch Einschränkungen gibt. Weit verbreitet ist auch die Ansicht, dass die Regierung deutlich mehr Druck bei der Impfkampagne machen würde, wäre die Lage tatsächlich so ernst“, erklärt Wolkow.

Bis zu den Dumawahlen soll ein Höchstmaß an Normalität herrschen

Der Kreml jedoch hält sich in den vergangenen Monaten auffällig zurück in Sachen Corona. Staatliche Medien preisen zwar Sputnik V und andere russische Impfstoffe als Erfolge der heimischen Wissenschaft. Auch, dass Europas Bürgerinnen unter der Lockdown-Belastung stöhnen und Zwergstaaten wie San-Marino dank Sputnik zur Normalität zurückkehren, sind immer Themen, die es prominent in die Staatsmedien schaffen. Gleichzeitig jedoch soll der Eindruck einer Ausnahmesituation in Russland selbst vermieden werden.

Zwar hat sich Wladimir Putin noch vor einigen Wochen pflichtbewusst impfen lassen. Auch in seiner Rede zur Lage der Nation vor einigen Wochen sagte Putin, dass Corona noch nicht besiegt sei. Doch der Präsident ließ sich nicht zur Galionsfigur der Sputnik-V-Propaganda machen. Bei seinem jüngsten Auftritt zu Corona im TV warb der Kremlherr nur halbherzig für den Impfstoff und hielt lediglich die Gouverneure an, das Tempo der Kampagne nicht schleifen zu lassen. Stattdessen betonte Putin bislang wiederholt, dass jeder selbst entscheiden müsse, ob er sich impfen lässt oder nicht. 

Diese Zurückhaltung ist nur auf den ersten Blick verwunderlich, denn das Thema Corona hat sich für Wladimir Putin als toxisch erwiesen. Auf dem Höhepunkt der Maßnahmen im Mai 2020 brachen die Zustimmungswerte des Präsidenten um zehn Prozent ein, während die Umfragewerte anderer Regierungschefs wie etwa jene von Angela Merkel damals in die Höhe schnellten. Seitdem macht der Kreml einen weiten Bogen darum, die Menschen konsequent zur Disziplin aufzufordern und auf den Ernst der Lage hinzuweisen. Zumal im Herbst Dumawahlen anstehen. Bis dahin soll im Land ein Höchstmaß an Normalität herrschen.

Kaum Masken in der Metro

Tatsächlich wirkt der Alltag in Russland, als hätte es Corona nie gegeben. Die Großraumbüros, aber auch Bars und Cafés sind in den Großstädten gut gefüllt. Nachtclubs werben mit Auftritten europäischer und auch deutscher DJs, die sonst kaum noch eine Möglichkeit haben, vor großem Publikum aufzulegen, außer in Russland. In der Metro oder in den Bussen sitzen selbst zu Stoßzeiten nur vereinzelt Passagiere mit Maske. Erst jüngst prahlte der Petersburger Fußballklub Zenit, dass sein Stadion in der Saison 2020/21 bei Heimspielen angeblich die meistbesuchte Arena Europas gewesen sei mit einer durchschnittlichen Zuschaueranzahl von knapp 20.000 Zuschauern.

Angesichts dieser Normalität fehlt vielen Menschen in Russland der Ansporn, mit aktiverer Impfbeteiligung zum Ende der Pandemie beizutragen. Und das, obwohl in Russland noch täglich Hunderte Menschen infolge von Covid-19 sterben. Allein laut der täglichen Meldungen der Gesundheitsbehörde Rospotrebnadzor starben vergangene Woche im Schnitt 350 Menschen an Corona pro Tag. Auf dem Höhepunkt der zweiten Welle im Dezember waren es etwa 550 Menschen. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Genauere Zahlen liefert die russische Statistikbehörde Rosstat, die täglich etwa doppelt so viele Todesfälle zählt, weil sie auch Fälle registriert, bei denen Corona laut ärztlichem Befund nicht die primäre Sterbeursache gewesen ist. Allein im März starben laut Rosstat 24.000 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19. Seit Beginn der Pandemie vor einem Jahr sind laut Rosstat mittlerweile insgesamt über 250.000 Russinnen und Russen an Corona gestorben.

Dass die Zahlen zuletzt rückläufig waren und das Gesundheitssystem nicht mehr wie vergangenen Winter vor einem Kollaps steht, liegt auch daran, dass ein großer Anteil der Bevölkerung eine Infektion bereits hinter sich hat. Laut einer Studie des Petersburger Pasteur-Instituts für Mikrobiologie und Epidemiologie haben im April bereits 50 Prozent der knapp sechs Millionen Einwohnerinnen der Stadt Antikörper nach einer Infektion gebildet. In Moskau lag dieser Anteil laut einer Untersuchung der Gesundheitsbehörde Rospotrebnadzor bei mindestens 40 Prozent.

Offenbar hofften auch die Mächtigen im Kreml, dass sich das Problem früher oder später von allein löst, wenn genügend Russen die Infektion hinter sich haben. Erst vor wenigen Tagen versprach Gesundheitsminister Mikhail Muraschko, dass im Herbst die Summe der Geimpften und bereits Genesenen für die Herdenimmunität ausreicht. Sollte das Impftempo zum Höhepunkt vom April zurückkehren, wären im September allerdings maximal ein Viertel der erwachsenen Russen geimpft.

    

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