Corona lässt die Raketen abstürzen

Kleine Branche, große Diskussionen

28.12.2021
Lesedauer: 5 Minuten
Bild: Jens Giesel

Das zweite Jahr in Folge darf in Deutschland zu Silvester kein Feuerwerk verkauft werden. Für die Industrie wird es damit eng.

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uch der kommende Jahreswechsel wird ruhiger ablaufen, als es vor der Pandemie für viele üblich war. Kontaktbeschränkungen sollen Menschenansammlungen auf den Straßen ebenso verhindern wie ausladende Partys – und wie schon im vergangenen Jahr darf kein Feuerwerk verkauft werden. Begründet wird der Schritt von Seiten der Politik abermals auch damit, dass die ohnehin schon stark ausgelasteten Krankenhäuser sich möglichst nicht noch mit Feuerwerksverletzungen herumschlagen sollen. Der Verband der pyrotechnischen Industrie (VPI) sieht das naturgemäß anders. Alkoholkonsum etwa sei ein viel größeres Problem, zumal es keine verlässlichen bundesweiten Zahlen gebe, welche die Behauptung über gehäufte Notfälle durch Feuerwerk in der Silvesternacht belegten. 

Der Verband hat einen guten Grund für seinen Lobbyismus. Denn mit dem Verkaufsverbot zu Silvester geht der Branche das Gros ihres Jahresumsatzes verloren. Rund 95 Prozent macht das Silvester-Geschäft laut VPI aus. Der Jahreswechsel wäre umso wichtiger für die Branche gewesen, weil infolge der Pandemie auch 2021 diverse Großveranstaltungen ausfielen, auf denen Feuerwerk gefragt wäre. Manche Unternehmen sind gerade auf solche Anlässe spezialisiert, anstatt Feuerwerk für Privatverbraucher anzubieten. 

Infolge des ersten feuerwerkslosen Silvesters im vergangenen Jahr musste bislang ein Unternehmen aufgeben, wie VPI-Geschäftsführer Klaus Gotzen konstatiert. Andere hätten auf Kurzarbeit und Kredite gesetzt, um übers Jahr zu kommen, heißt es aus dem Verband, in dem unter anderem die großen deutschen Anbieter Weco, Comet und Nico organisiert sind. „Allerdings musste ein weiteres Mitgliedsunternehmen einen von drei Standorten mit rund 100 Mitarbeitern schließen“, sagt Gotzen. 

Insgesamt beschäftigt die hiesige Branche rund 3000 Menschen. Produziert wird größtenteils in China. Nur Weco stellt einen Teil seines Angebots an drei deutschen Standorten her. Während auch Verbraucherschützer und Ärzteverbände vor in Deutschland nicht zugelassenen Böllern und Feuerwerk aus dem Ausland warnen, fordert der VPI zudem umfangreichere Hilfen. Ein Ausgleich von Fixkosten etwa für Lagerung oder Transport wäre viel zu wenig, um die „nunmehr zum zweiten Mal eintretenden Umsatzverluste auch nur annähernd zu kompensieren“. Um die Hersteller vor „nicht selbstverschuldeten Insolvenzen“ zu bewahren, plädiert der Verband vielmehr für eine „Umsatzausfall-Kompensierung“ – in der beide Saisons von 2020 und 2021 berücksichtigt werden. Der Bundesverband Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk – eine Vereinigung von Profi- und Hobby-Feuerwerkern – kündigte sogar eine Klage gegen das Verkaufsverbot an. Rechtliche Mittel erwägen auch die VPI-Mitglieder, sofern die Kompensationszahlungen nicht kommen, heißt es von dem Verband. Kurz vor Weihnachten erklärte das Wirtschaftsministerium, unter anderem Lager- und Transportkosten würden für die Monate Dezember 2021 bis März 2022 erstattet. Von einer Kompensation des Umsatzausfalls war nicht die Rede.  

Wer noch Feuerwerk hat, darf dies natürlich zum kommenden Jahreswechsel zünden. Lediglich die in diversen Städten teils schon vor der Pandemie eingerichteten Verbotszonen sollten beachtet werden. Auch Feuerwerk im Ausland zu kaufen, ist grundsätzlich erlaubt. Hier gilt es jedoch die entsprechende vierstellige Registriernummer  und das CE-Zeichen zu berücksichtigen. Andere Produkte dürfen nicht nach Deutschland eingeführt werden. Generell waren im vergangenen Jahr im Verhältnis zum Gesamtumsatz vor allem Batterien beliebt. Die im Vergleich deutlich günstigeren Böller machten nur einen kleinen Teil aus. 

Debattiert wird das Für und Wider des großen Silvesterspektakels immer wieder. Unter dem Motto „Brot statt Böller“ rief die Hilfsorganisation „Brot für die Welt“ schon 1981 zum ersten Mal dazu auf, das für Böller und Raketen verplante Geld doch zumindest teilweise zu spenden. Im Vorfeld zum ersten Corona-Silvester ergab eine Umfrage für das ZDF-Politbarometer im November vergangenen Jahres ein recht klares Bild. Demnach sind es vor allem Grünen-Anhänger, die ein Feuerwerksverbot befürworten. Das ist wenig verwunderlich. Denn einmal abgesehen von der Pandemie-bedingten Sorge vor großen Menschenansammlungen und den zur Zeit besonders ausgelasteten Krankenhäusern sind die Argumente der Feuerwerksgegner seit langem die gleichen. Neben Verletzungen und Sachbeschädigungen werden so immer wieder die enormen Müllmengen kritisiert. Dazu komme, dass neben Haustieren auch Wildtiere unter dem Feuerwerk leiden, betont der Naturschutzbund (Nabu). Feuerwerk solle daher grundsätzlich nie in der Nähe von Wäldern gezündet werden. Doch sollten Verbraucher auch bedenken, dass sich in öffentlichen Grünanlagen nachts ebenso Vögel und andere Tiere sammeln.

Ein weiterer Punkt ist die Feinstaubbelastung. 2050 Tonnen davon werden in normalen Jahren an Silvester durch Feuerwerk freigesetzt, heißt es vom Umweltbundesamt. Dies entspreche ungefähr einem Prozent der insgesamt freigesetzten Menge in Deutschland. Lange wurde der Beitrag des Feuerwerks mit 4500 Tonnen angegeben. Der neue Wert basiert auf einer experimentellen Studie im Auftrag des VPI, die das Umweltbundesamt als „valide und fachlich korrekt“ bewertet hat. Daher werde seit diesem Jahr mit der neuen Methodik gearbeitet.

Ein Blick auf die Werte einiger Messstationen zeigt recht deutlich, wie wenig Feuerwerk zum Jahreswechsel 2020/2021 gezündet wurde. Die Feinstaubwerte lagen nur leicht über den Werten der Tage vor und nach Neujahr. 2022 dürfte sich ein ähnliches Bild zeigen. Damit dürfte die Debatte weitergehen, auch über die Pandemie hinaus. So nahm die Deutsche Umwelthilfe das abermalige Verkaufsverbot gleich als Vorlage, um von der Ampelkoalition zu fordern, „die private Nutzung von Pyrotechnik dauerhaft zu beenden“. Licht-, Laser- oder Drohnenshows seien eine gute Alternative. Weniger radikale Ideen sehen vor, noch stärker auf begrenzte Flächen zu setzen oder von kommunaler Seite zentrale Feuerwerke zu organisieren. Für die hiesige Feuerwerksbranche geht es aber erst einmal darum, das zweite Jahr in Folge mit enormen Umsatzeinbußen klarzukommen. 

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